Statt einer Theorie ein paar Bonmots – als Beobachtung gemeint, nicht als Klage. Und mit heimlicher großer Wertschätzung.
I
Münster ist eine Insel, ganz anders als der Rest jenes seltsamen Konglomerats, das wir Nordrhein-Westfalen nennen – und anders doch auch als die ganz ländliche Umgebung. Dass diese Stadt so anders aussieht als das nahe Ruhrgebiet, begreift man ganz erst durch einen Blick in die Geschichte, und stößt auf eine besondere Verwobenheit von geistlicher und weltlicher Macht: 799 gründete Papst Leo III. bei seinem Treffen mit Karl dem Großen das Bistum Münster, das bis heute besteht. Aus der Klostersiedlung (der Name Münster geht auf das lateinische monasterium für „Kloster“ zurück) wurde im 11. Jahrhundert durch ihre günstige Lage eine Hansestadt, ein Handelsstandort und Umschlagplatz. Um das heilige Zentrum, den Paulusdom mit Bischöflichem Palais, in das einst nur die Geistlichen Zutritt hatten, blähte sich mit der Zeit ein Speckgürtel aus wohlhabenden Kaufmannshäusern, in deren Nachbildungen die Münsteraner noch heute viel Geld ausgeben. Wegen seiner Stadtmauer, deren Verlauf heute durch die Promenade nachgezeichnet wird, eine weitere Schicht um diese Insel der Seligen, galt Münster spätestens im 15. Jahrhundert als uneinnehmbar.
All dies wirkt nach: in das Skandinavien Nordrhein-Westfalens dringt auch heute der Zeitgeist nur wie durch eine Membran, und der lebensweltliche Horizont der Reichen und Schönen, die hier wohnen, ist eng.
II
Münster ist oberflächlich: die äußeren Werte zählen. Das Repräsentative zählt, das nach außen Gekehrte ist das Wesentliche. Im Mikrokosmos der Altstadt spielt sich das gesellschaftliche Leben ab. Hier, auf dem Domplatz, sieht man die Münsteraner mittwochs und samstags in hellen Farben im Sonnenschein umhergehen. Die nach dem zweiten Weltkrieg neu aufgebaute Altstadt ist in ihrem modernisierten Stil eine hübsche Bühne, eben ganz die „gute Stube“ von Münster. Die über das Dach hinausragenden Fassaden der Kaufmannshäuser mit den charakteristischen Giebeln verstärken den Eindruck einer theaterhaften Kulisse. Abends, wenn die Straßen und Plätze leer sind, hat die Gegend etwas Museales, erinnert an eine stillgelegte Bühnenanlage. Fährt man ein wenig über das Zentrum hinaus, findet man schöne Edelviertel auf der einen, stillgelegte Industriestandorte und ganz gewöhnlich aussehende, von rotem Backstein überlagerte Wohngebiete auf der anderen Seite.
Noch mehr als an der eigenen Selbstbeschreibung („Münster ist so schön!“) zeigt sich die Münsteraner Oberflächlichkeit besonders an der Fremdbeschreibung anderer Städte; an erster Stelle sind hier Berlin, Köln und das Ruhrgebiet zu nennen. „Bochum ist so hässlich!“ – Das stimmt ja sogar. Aber es ist doch verdächtig, dass man in Münster immer gleich auf solche Äußerlichkeiten zu sprechen kommt. Man rühmt sich seines vielleicht nicht aufregenden, aber eben einfach schönen Stadtbildes und blickt abschätzig auf die genannten Städte. Weiß man in Münster nichts von anderen Qualitäten, oder interessiert man sich nicht dafür? Von der kulturellen Vielfalt und den unzähligen Möglichkeiten Berlins? Von der Lässigkeit, dem Witz, der Wärme der Kölner? Von dem – kein Wort trifft es besser – Charakter des Ruhrpotts, dem ruppigen, prolligen und doch einfach liebenswürdigen und herzlichen? („Hier, wo das Herz noch zählt“, sang doch schon Grönemeyer über Bochum.) Ja, selbst jene Münsteraner Ästhetik ist doch recht eindimensional – „schön“ heißt für sie letztlich vor allem dekorativ. Sie kennt nicht den Charme des Postindustriellen, die Extravaganz des Futuristischen, die Modernität des Urbanen….
III
Münster hat wenig Charakter! Und hat auch keinen nötig. Unter der freundlich-fortschrittlichen Oberfläche der Stadt sitzt ein tiefer, schwarzer Konservatismus, unausrottbar und uralt: die katholische Kirche ist noch spürbar anwesend, nicht nur architektonisch; der Aufbau nach Zentrum und Peripherie hat noch den Charme des Mittelalters. Zum Glück, zum Glück – denn eigentlich kann kein Münsteraner sich ernsthaft wünschen, dass die Dinge anders laufen sollen in der Stadt. Eine Kuriosität eigener Art stellt darum die linke Szene von Münster dar, wie sie sich zum Beispiel um die Baracke und die Institute für Politikwissenschaft und Soziologie herum darstellt. Diese rebellischen jungen Leute machen in der heilen Welt von Münster einen seltsam deplatzierten Eindruck.
Dem Münsteraner Konservatismus liegt kein Ressentiment zugrunde wie vielen reaktionären Strömungen rechts der Mitte – konservativ zu sein ist etwas anderes, als reaktionär zu sein –, er speist sich vielmehr aus einer unglaublichen Saturiertheit, begleitet von einer provinziellen Geisteshaltung; aus einer ungeheuren Selbstzufriedenheit und Sattheit. So kommt es, dass gerade die Partei, die „Alternative“ im Namen trägt, in Münster keine Chance hat.
Denn Münster ist Provinz. Die Stadt ist voll von jungen Leuten, die von Dörfern oder kleineren Städten kommen und das nicht sehen können – aber es ist so. Trotzdem sind die Münsteraner so wenig „Hinterwäldler“ wie die Heidelberger, Freiburger, Tübinger oder Bonner. Die großen Wellen der Zeit kommen auch an ihren Strand – bloß sanfter. Durch die Hochschulen ist die Stadt, deren demographischen Bodensatz eigentlich Alte und Ältere ausmachen, wie künstlich verjüngt. (Vor der Unterführung auf den Hansaring könnte ein Schild stehen: „Achtung! Hiermit verlassen Sie das Seniorenparadies“.) In den Köpfen der Jugend spukt es natürlich noch und geht viel um, bei allem Konservatismus und Provinzialismus, und die Anschauungen und Ideen, die auf dem Campus umhergehen, sind durchaus „modern“. Man ist aber doch froh, nicht da zu wohnen, wo die Moderne sich am deutlichsten Bahn bricht, sondern da, wo man in mäßigen Dosen von ihr profitiert.
