Semesterspiegel: Was ist der wichtigste Punkt in eurem Wahlprogramm?
Fred: Wenn wir mit den absoluten Grundlagen anfangen, dann ist der wichtigste Punkt in unserem Wahlprogramm echte Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und auch denjenigen Wertschätzung zu zeigen, die sich bereits engagieren. Wir haben zahllose Studierende, die sich in Fachschaften engagieren, was sie ehrenamtlich tun. Damit übernehmen sie sehr viel Arbeit, die ansonsten an anderer Stelle entweder für teuer Geld gemacht werden müsste oder einfach nicht gemacht werden würde. Es wäre extrem schade, wenn das wegfallen würde. Die Wertschätzung für Fachschaftsarbeit ist gering. An einigen Stellen werden ihnen sogar Steine in den Weg gelegt. Fachschaftsarbeit sollte als studentisches Engagement vielleicht auch mit Credit Points bedacht oder finanziell aufgewogen werden – insbesondere wenn man sich in universitären Gremien engagiert, die teils von Fachschaften besetzt werden. Fachschaftsarbeit wird an vielen Stellen bereits mündlich bedankt. Bedauerlicherweise hört es dann auch beim mündlichen Dank auf. Dasselbe auch bei einigen politischen Partizipationsmöglichkeiten. Die Möglichkeit von Studierenden in Berufungskommissionen weiter aktiv zu sein und damit auch Einfluss zu nehmen, welche Personen Professuren annehmen, wird immer weiter zurückgefahren.
Semesterspiegel: Was habt ihr für weitere Missstände an der Uni feststellen können?
Fred: Das ist letzten Endes dasselbe wie die letzten Jahre. Wir haben immer noch keinen vernünftigen studentischen Wohnraum. An der Stelle versagt einfach das Studierendenwerk bei einer zentralen Aufgabe.
Semesterspiegel: Was kann denn eine Liste oder auch ein StuPa überhaupt beim Thema Wohnraum erreichen?
Fred: Das Studierendenparlament besetzt unter anderem einige Posten im Verwaltungsrat des Studierendenwerks. Es ist aktuell auch seit Jahren so, dass ein studentisches Mitglied des Verwaltungsrates Vorsitz dieses Gremiums ist. An dieser zentralen, beschlussfassenden Stelle in Münster, wenn es um das Geld der Studierenden geht, sitzen Studis, die indirekt mit der StuPa Wahl mitgewählt werden. Diese machen gute Arbeit, wenn es darum geht, klar zu sagen, wir sind unterfinanziert, wir sollten vom Land endlich ausfinanziert werden. Wir können jetzt nicht einfach entscheiden, wir machen es anders. Aber wir könnten verdammt nochmal auf den Putz hauen und auch klar sagen: Leute, keine Partei hat es auf Bundes- oder Landesebene verdient von Studis unterstützt zu werden, wenn sie nicht Studis von Landesseite aus unterstützt.
Semeterspiegel: Welche Rolle soll der AStA in gesellschaftspolitischen Debatten spielen? Hat er eine Meinung?
Fred: Der AStA, die politische Selbstverwaltung der Studierendenschaft, ist unserer Meinung nach dafür da, die politische Selbstverwaltung der Studierendenschaft zu sein. Das bedeutet, politische Themen anzugehen. Das sind alle Themen, die Studierende betreffen. Studierende sind nicht nur betroffen vom Mangel an studentischem Wohnraum oder Preisen in der Mensa. Studierende sind genauso betroffen von der Debatte um die Wehrpflicht. Studierende sind betroffen von der Debatte um das Kindergeld, nicht nur weil es Studis mit Kind gibt, sondern weil auch einige Studis irgendwann mal Kinder haben wollen. Die Annahme zu sagen, dass wir als Hochschulpolitische Vertreter:innen nur über den engsten Kreis von Hochschulpolitik reden dürfen, ist absurd.
Semesterspiegel: Ist Die LISTE eine Satire-Partei und würde das einer ernsthaften politischen Arbeit im Weg stehen?
Fred: Ja, wir sind eine Satire-Partei. Aber Satire ist Stoff der Mittelstufe. Das heißt, alle Studis wissen, was Satire ist und verstehen Satire problemlos. Wir brauchen es ihnen nicht erklären, das sind ja alles clevere Menschen hier. Satire ist eine Kommunikationsform. Das heißt, unsere Inhalte nehmen wir sehr, sehr ernst. Wir sind nicht ernst zu nehmen. Wir sind aber auch nicht wichtig. Wir sind ein paar Menschen, die in ein Parlament wollen, um über Inhalte zu diskutieren und aufzupassen, dass nicht zu viel Selbstdarstellung Leuten überlassen wird, die tatsächlich an den Hebeln der Macht sitzen. Kein Verstecken hinter Floskeln. Kein Verstecken hinter Ämtern.
Semesterspiegel: Die Wahlbeteiligung ist immer wieder sehr gering. Wie wollt ihr das ändern?
Fred: Die einfachste Lösung ist natürlich zu sagen, es gibt eine absolute Wahlpflicht unter Androhung von Prügelstrafen. Das ist die kurze Lösung. Ich würde allerdings schon deutlich klarer sagen: Jeder Studi, der sich mit Politik auseinandersetzt und ehrlich akzeptieren kann, dass wir eine Wahlbeteiligung von unter 80 % haben, der hat einfach nicht verstanden, wie wichtig repräsentative Demokratie ist. Da möchte ich entsprechend sehr viel früher ansetzen bei der Frage, warum ist Mitbestimmung wichtig? Das heißt, ich hoffe, dass Studis einfach mitbekommen, dass etwas los ist und dass ihnen nicht egal ist, dass man ihnen hier wirklich ein wertvolles Werkzeug an die Hand gibt. Ich kann nur meinen kleinen Beitrag dazu leisten, indem ich mich im Wahlkampf zum Affen mache und möglichst viele Leute informiere. Mach mit, nutz deine Stimme. Und wenn ich dafür Sticker verschenken muss, verschenke ich dafür Sticker. Also: hoffen, beten, Leute offen beleidigen, die mir sagen, Wahlen sind unwichtig. Ich bin mir dafür nicht zu schade, muss allerdings auch sagen, das funktioniert erfahrungsgemäß nicht.
Semesterspiegel: Aber mit ein bisschen hoffen ist es natürlich auch irgendwo nicht getan.
Fred: Also, einen Wahlzwang kriegen wir nicht hin. Die jeweils regierenden Fraktionen haben natürlich einen kleinen Vorsprung, aber auch die Opposition ist natürlich nicht fein raus zu sagen, ja gut, wir haben die Wahl nicht gewonnen, also machen wir jetzt ein Jahr lang nichts. Das ist das, was die Liberalen aktuell tun. Die sind nicht mal mehr bei den Sitzungen anwesend. Dasselbe ist bei der sozialistischen Liste. Die kommen seit Monaten nicht mehr. Aber auch die RCDS-Fraktion glänzt durch Schweigen und geringe Beteiligung statt durch parlamentarische Arbeit. Sie haben sich wählen lassen, sie wurden gewählt. Der RCDS ist die größte Oppositionsfraktion und könnte daher wirklich Einfluss nehmen. Sei es in den parlamentarischen Ausschüssen, sei es aber auch, indem sie sagen: Uns haben viele Studis gewählt, wir bringen diese Inhalte trotzdem vor. Wir schreiben Anträge. Ich habe in der vergangenen Legislatur die meisten Anträge der Opposition geschrieben. Da bin ich ein bisschen stolz drauf, aber es war auch nicht schwer. Es wird immer ein bisschen darüber gelächelt, dass Die LISTE zu allem was zu sagen hat, aber dafür wurden wir gewählt, damit wir die Studis repräsentieren, die uns gut finden. Und in dem Sinne, damit wir uns auch ehrlich im Wahlkampf hinstellen können und sagen, wir haben letztes Jahr was für euch getan, so gut wir konnten und wir werden kommendes Jahr was für euch tun, so gut wir können – je nachdem, wie viel Macht ihr uns anvertraut, mehr oder weniger. Lieber mehr.
