Das Land hat gewählt. Und wieder eine GroKo. War die Stimmung in den frühen Tagen der Ampel-Koalition noch getragen von Optimismus und Aufbruchstimmung, vielleicht sogar von Hoffnung für das allgegenwärtige Thema Klima, so war das Ende umso hässlicher. Im darauffolgenden Wahlkampf um die Jahreswende 2024/25 gab es dann vor allem ein Thema: Migration. Die Klimakrise tauchte bestenfalls als Randbemerkung auf. Dabei sinken die Asylanträge in Deutschland seit Jahren, während die Erderwärmung immer weiter fortschreitet.
Im Angesicht dieser fast schon grotesken Lage erscheint die Serie „Families like Ours“ geradezu prophetisch. Denn das neue Werk („neu“ ist eine leichte Übertreibung, tatsächlich erschien die Serie schon im August 2024) des bekannten dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg zeigt, dass Klima und Migration keine voneinander losgelösten Themenkomplexe sind, sondern einander direkt bedingen.
Families like Ours spielt in einer nahen Zukunft, in der die Bekämpfung des Klimawandels ganz offenbar gescheitert ist: Der steigende Meeresspiegel hat die Niederlande bereits überschwemmt und droht bald auch Dänemark zu überfluten. Da die Hochwasserschutzmaßnahmen untragbar geworden sind, beschließt die dänische Regierung, das Land sukzessive zu „schließen”. Dänemark als Land hört damit auf zu existieren, seine Einwohner müssen sich innerhalb von wenigen Monaten ein neues Leben an einem anderen Ort aufbauen. Die Handlung folgt dabei der dänischen Abiturientin Laura und ihrer Familie, deren Schicksale sie über ganz Europa verstreuen werden.
Da wäre zum einen ihr Vater, ein angesehener Architekt mit Kontakten in Paris. Mit ihm und seiner Lebensgefährtin könnte Laura nach Paris ziehen und dort an der Sorbonne studieren. Oder aber ihre Mutter, die allein lebt und wegen einer psychischen Erkrankung nicht berufstätig ist. Sie soll in einem Vorort von Bukarest untergebracht werden. Lauras Freund Elias will indes zu seinen Verwandten nach Finnland ziehen. Ihr wohlhabender Onkel Nikolaj und dessen Lebensgefährte wiederum haben genug Geld, um sich ein komfortables Leben in London aufzubauen – wenn da nicht ein schreckliches Geheimnis wäre, das die beiden verfolgt. Schnell zeigt sich: Auch im egalitären Dänemark – oder dem, was davon übrig ist – sind, um es mit George Orwells Worten zu sagen, manche eben gleicher als andere.
Wer sich bei dieser Ausgangssituation ein bildgewaltiges Epos wie San Andreas vorstellt, der irrt – man muss sagen glücklicherweise. Families like Ours ist keine “Katstrophenserie” im klassischen Sinne. Das Vorgehen der dänischen Regierung wird als äußerst kalkuliert und planvoll dargestellt: Über sechs Monate hinweg wird das Land nach und nach evakuiert, die öffentlichen Dienste werden eingestellt, und auf dem ehemaligen Staatsgebiet wird ein gigantischer Windpark errichtet. In den letzten verbleibenden Wochen in ihrer Heimat planen Laura und ihre Familie nicht nur ihre neue Zukunft, sie trauern auch ihrer Vergangenheit nach: Ein letztes gemeinsames Lagerfeuer, ein letzter Tag in der Schule, eine letzte Umarmung derjenigen, die man vielleicht nie wiedersehen wird. Families like Ours ist eine Elegie auf eine Heimat, die bald für immer verschwinden wird. Wie die anderen Werke Vinterbergs ist Families like Ours tief berührend, ohne dabei in Kitsch oder übermäßige Theatralik auszuarten. Und anders als man es dem skandinavischen Kino gerne vorwirft, ist die Serie auch nicht bloß ein deprimierendes Trauerspiel. Laura und ihre Familie müssen alles hinter sich lassen, sich in Gefahr begeben, sich erniedrigen. Doch bei all ihrem Leid begegnen sie auch immer wieder Menschen, die es gut mit ihnen meinen und sie unterstützen, und sei es nur durch einen kleinen Akt der Nächstenliebe. Nichts ist nur gut oder nur schlecht. Ganz wie im echten Leben.
So sehr man auch mit all diesen Figuren mitfiebert, ein Gefühl lässt sich nie ganz abschütteln: eine leise, aber beharrliche Schadenfreude. Denn die Brisanz von families like ours entfaltet sich erst dann richtig, wenn man einen Blick auf die Asylpolitik Dänemarks der letzten Jahre wirft.
Dänemark gilt wie viele seiner nordischen Nachbarn als Vorzeigestaat: Ein sicheres Land mit starkem Sozialsystem, hervorragender Work-Life-Balance, innovativer Stadtgestaltung und einem großen Fokus auf Nachhaltigkeit. Nicht umsonst landet Dänemark bei allerlei politischen Indizes immer wieder auf den vorderen Plätzen. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer zu glauben, dass kaum ein Land in Europa eine so harte, man möchte sagen, kalte Flüchtlingspolitik fährt wie Dänemark. Denn da Dänemark sich bei seinem EU-Beitritt eine sogenannte Opt-Out-Option in Bezug auf das Thema Einwanderung gesichert hat, ist das Land an viele europaweite Richtlinien nicht gebunden.
Geflüchtete, deren Asylantrag abgelehnt wird – das sind mittlerweile die allermeisten –, die aber nicht in ihr Heimatland zurückkehren können, leben in sogenannten Ausreisezentren. Diese Einrichtungen, in denen sich Menschen ohne Aufenthaltstitel bis zu ihrer Ausreise aufhalten müssen, können gut und gerne als Abschiebegefängnisse bezeichnet werden. Hier besteht der Alltag aus Gittern und Stacheldraht, Baumängeln und kaum Freigang. Unter diesen Bedingungen warten viele jahrelang voller Ungewissheit auf den Tag ihrer Abschiebung Das Fazit einer Inspektion des Europarats: “Russische Gefängnisse sind besser”. Das alles geschieht wohlgemerkt unter einer so genannten sozialdemokratischen Regierung. In einem Interview mit dem Ersten weist der dänische Migrationsminister Kaare Dybvad stolz darauf hin, dass Dänemark Europameister ist, wenn es um Abschiebungen geht.
„Orte wie Kærshovedgård sollten nicht so gestaltet sein, dass man gerne hier in Dänemark bleibt. Sie sollen klarmachen: Du bist unerwünscht. Akzeptiere, dass Du in diesem Land keine Zukunft hast.“
Dass mit Families like Ours ein derartiges Flüchtlingsdrama ausgerechnet aus Dänemark kommt, ist bezeichnend. Ohne direkt anklagend zu wirken, hält Vinterberg seinem Publikum den Spiegel vor: Migrationskritischen Zuschauern zeigt er, dass Flucht kein Thema ist, das nur den globalen Süden betrifft. Durch die Klimakrise könnten auch wir in Europa uns bald in Notlagen wiederfinden, in denen wir dringend auf die Solidarität anderer angewiesen sind.“ Und die Zuschauer, die sich selbst als solidarisch verstehen, entlarvt er in ihrer eigenen Schadenfreude, jetzt, wo es endlich auch mal die Dänen trifft, dieses erfolgreiche und doch so kaltherzige Volk, das seinen Wohlstand offenbar mit niemandem teilen will.Doch obwohl es allen Anlass dazu gäbe, verfällt Families like Ours nie in Zynismus. Die Serie zeigt nicht mit ausgestrecktem Finger auf Dänemark oder Europa. Vielmehr zeigt sie den Abstieg der Privilegierten in die untersten Schichten der Gesellschaft. Es sind nicht mehr Syrer, Afghanen oder Iraker, die ihr Leben auf Schlepperbooten riskieren, vor Bürgerwehren fliehen oder ihre bloße Anwesenheit vor einer nicht enden wollenden Prozession an Ämtern und Behörden rechtfertigen müssen. Es sind Dänen, für die plötzlich jeder neue Tag ein Kampf ist. Ein Kampf, in dem manche von Anfang an keine Chance hatten, und an dessen Ende nichts mehr sein wird wie früher. Was bleibt sind die flüchtigen Momente menschlicher Güte und des Zusammenhalts.
