“In gesellschaftlichen Debatten müssen wir immer im Blick haben, dass wir nicht nur die Koalition sind, sondern für alle Studierenden sprechen” – ein Interview mit Karlotta von CampusGrün

Semesterspiegel: Was ist der wichtigste Punkt in eurem Wahlprogramm?

Karlotta: Unserer Liste ist natürlich Nachhaltigkeit am wichtigsten, weil das in den letzten Jahren immer weiter an Bedeutung verloren hat. Aber nur, wenn wir darauf achten, dass wir auf einem endlichen Planeten leben und den auch schützen müssen und auch in diese Richtung arbeiten, können wir nach unserem Studium in einer guten und nachhaltigen Welt leben.

Semesterspiegel: Was sind spezifische Projekte, die ihr zum Thema Nachhaltigkeit noch vorhabt?

Karlotta: Spezifische Projekte im Bereich Nachhaltigkeit an der Uni sind natürlich super schwierig, weil wir als Studierende nicht so einen Einfluss haben. Aber uns ist es deswegen besonders wichtig, dass wir in unseren Projekten auf Nachhaltigkeit hinarbeiten. Das ist eine Grundhaltung, die wir vertreten. Das sieht man zum Beispiel bei der Entscheidung für den E-Bulli, den wir am AStA haben. Grundsätzlich haben wir fünf Bullis, die wir verleihen. Und die einen sind schon ein bisschen älter. Wenn man sich jetzt als Koalition möglicherweise in der Zukunft für eine Neuanschaffung entscheiden würde, wäre für uns auch wichtig, für was für ein Auto man sich da entscheidet. Ist es ein komplett neuer Ferrari oder kauft man sich halt vielleicht dann doch ein nachhaltigeres Modell? Es ist uns wichtig, dass wir Nachhaltigkeit immer mitdenken und dass das  eine innere Haltung ist. Und bei den anderen Sachen achten wir sehr stark auf studentische Partizipation und Teilhabe.

Karlotta von CampusGrün

Semesterspiegel: Was seht ihr an der Uni für Missstände und was habt ihr für Lösungsvorschläge?

Karlotta: Eine Sache sind natürlich studentische Beschäftigte. Die sind oft relativ prekär, beispielsweise befristet beschäftigt. Da setzen wir uns für eine Stärkung von TV Stutt ein, also für Tarifverträge für studentisch Beschäftigte. Weitere Beispiele, wo wir uns einsetzen: Die mobile Flotte von tretty ist ja erstmal gestoppt. Als Nachhaltigkeitsziel wäre es uns natürlich wichtig, dass es dieses Angebot wieder gibt. Wir wissen, dass das vielen Studierenden sehr wichtig war. Wenn das Fahrrad mal kaputt war, dann konnte man immer tretty benutzen. Auch wenn das Angebot jetzt nicht ideal war, war es ein super wichtiges Kernangebot vom AStA. Wenn wir nochmal den AStA stellen dürfen, ist uns wichtig, da auch nochmal in die Richtung zu arbeiten und zu schauen, welche Angebote es gibt und wie diese finanzierbar sein könnten.

Semesterspiegel: Thema Wohnraum: Was kann der AStA oder das StuPa tatsächlich bewirken? 

Karlotta: Das ist super schwierig und da machen wir uns auch viele Gedanken drüber, weil wir eben nur einen sehr begrenzten Handlungsspielraum haben. Am Ende werden die meisten Wohnungen, die Studierende betreffen, entweder privat vermietet oder über das Studierendenwerk angeboten. Beim Studierendenwerk machen wir natürlich immer Druck und haben da auch studentische Verwaltungsratsvorsitzende. Allerdings ist es super schwierig, weil in der Hochschulgesetz Novellierung diese studentische Selbstverwaltung zurückgeschraubt werden soll. Deswegen arbeiten wir auf der einen Seite im Studierendenwerk in Münster und auf der anderen Seite im Arbeitskreis der Stadt darauf hin, dass dort studentische Perspektiven stärker gesehen werden. 

Semesterspiegel: Du hast eben schon das Hochschulstärkungsgesetz angesprochen. Darin geht es beispielsweise um das Thema Machtmissbrauch. Wie blickt ihr auf das Hochschulstärkungsgesetz? 

Karlotta: Wir finden es gut, dass Machtmissbrauch jetzt stärker an Unis in die Verantwortung genommen wird. Aber man muss auch sagen, dass das einer der ersten Versuche ist. Grundsätzlich ist das Problem bei diesen Gesetzen, dass es bundesweit nur das allgemeine Gleichstellungsgesetz gibt. Das bezieht sich auf ein Arbeitsumfeld. Das Problem an der Uni ist aber, dass der Machtmissbrauch oft zwischen Professor:innen oder Festangestellten und Studierenden stattfindet und dass man dadurch gar nicht geschützt wird. Deswegen finden wir das grundsätzlich gut. Trotzdem bleibt die Forderung nach mehr Schutz offen  und die Frage ist auch, bei so einem ersten Gesetzentwurf, wie sich das entwickelt. Wir hoffen dann auch, dass es eine Novellierung gibt, weil kein erster Gesetzentwurf perfekt ist.

Semesterspiegel: Welche Rolle spielt der AStA in gesellschaftspolitischen Debatten?

Karlotta: Der AStA ist die allgemeine Studierendenvertretung. Deswegen nehmen wir uns, weil wir ja auch gewählt werden, raus, die politische Stimme von Studierenden zu sein. Wir haben da einen Vertretungsanspruch, der super wichtig ist. Wir führen oft bilaterale und nicht öffentliche Gespräche mit Uni-Vertreter:innen und da brauchen wir den Rückhalt, dass wir eine starke Stimme für studentische Interessen sind. In gesellschaftlichen Debatten müssen wir immer im Blick haben, dass wir nicht nur die Koalition sind, sondern für alle Studierenden sprechen. Da sollten wir den Rahmen wahren und eben nicht als CampusGrün oder nicht als Jusos sprechen.

Semesterspiegel: Hochschulpolitik ist kein bekanntes Thema. Wo seht ihr da die Probleme, auch im Hinblick auf eine Wahlbeteiligung? 

Karlotta: Bundesweit haben wir eine vergleichsweise relativ stabile Wahlbeteiligung. Aber grundsätzlich kenne ich kaum AStEN, die das schaffen, nah an den Studierenden zu sein. Das ist, glaube ich, ein grundsätzliches Problem von Hochschulpolitik, weil wir sehr spezifische Diskussionen haben. Wir haben im letzten Koalitionsblatt eine dritte Stelle im Öffentlichkeitsreferat eingestellt, um die Kommunikation zu verbessern. Wir wissen aber, dass das nicht unsere Stärke ist und wollen auf jeden Fall weiter daran arbeiten. 

Semesterspiegel: Dieses Problem bezieht sich ja auch nicht nur auf die Politik, sondern auch auf Serviceangebote vom AStA. Gibt es auch da Pläne, die Kommunikation zu verbessern? Und was sind so die Angebote, die jeder kennen sollte?

Karlotta: Die Serviceangebote vom AStA haben ihre Höhen und Tiefen. Aber ich glaube, man muss auch nochmal beachten, dass die meisten von uns hier ehrenamtlich arbeiten. Die Qualität entspricht deshalb vielleicht nicht anderen Service-Standards. Wir sind natürlich super stolz auf das Camp für Erstis ohne Wohnraum, weil das relativ stark angenommen wird und eine Lösung schafft für diese prekäre Situation. Und wir sind natürlich stolz auf den Krisenfonds. Ich arbeite im Finanzreferat und da sieht man jede Woche die Schicksale von Leuten, wenn man da die Auszahlung angibt. Dann zahlt man 1000 Euro an Studis aus, die von der Hand in den Mund leben. Wir verleihen auch Schwangerschaftsdarlehen für Studierende, die nicht wissen, wie sie weitermachen sollen. Ich glaube, das sind richtig coole Projekte, die wirklich akut Lücken füllen.

Semesterspiegel: Hast du noch irgendein Thema, worüber Studierende Bescheid wissen sollten?

Karlotta: Ich glaube, man fragt sich oft, warum gibt es so viele Leute im AStA oder warum ist Hochschulpolitik wichtig? Ich fand, was in den letzten Wochen ein gutes Beispiel dafür war, war die Thematik mit den Studierendenwerken NRW. Es ist rausgekommen, dass der Vorstandsvorsitzende von NRW seit Jahren auch Gespräche mit der AfD führt. Das war ein konkretes Beispiel, an dem man sehen konnte, dass dadurch, dass wir vernetzt waren, die Situation klar geworden ist und wir Druck ausüben konnten. Wir eben recht schnell auf diese Kampagne hinwirken, weswegen Konsequenzen gezogen wurden. Das ist ein ganz schönes Beispiel dafür, was man bewirken kann, wenn man allgemein als progressive Hochschulgruppen bundesweit vernetzt ist.