Junge Akademiker haben es zunehmend schwer auf dem Arbeitsmarkt
Marie L. (Name von der Redaktion geändert) sitzt an ihrem Küchentisch in der 3-er WG und seufzt. Seit Stunden sitzt sie an ihrem Laptop, um Bewerbungen für einen Job im Kommunikationsbereich zu schreiben. „Langsam weiß ich gar nicht mehr, was ich schreiben soll. Immer nur Absagen zu bekommen, frustriert nur noch“, sagt die 24-jährige Studentin, die diesen Sommer ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaft macht.
Danach möchte sie erstmal ins Berufsleben einsteigen, Erfahrung sammeln. Doch das gestaltet sich aktuell schwierig. Bereits seit einigen Monaten sucht Marie nach einem passenden Job im Marketing- oder Kommunikationsbereich. Trotz einer vorherigen Ausbildung in einer Marketingagentur und einem Bachelorabschluss im Fach Kommunikationswissenschaft hat sie auf dem Arbeitsmarkt zurzeit keinen Erfolg. „Manchmal können die vielen Absagen einen schon sehr an sich zweifeln lassen“, sagt sie.
So wie Marie geht es vielen jungen Akademikern und Akademikerinnen in der Region. Wie Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen, ist die Zahl arbeitslos gemeldeter Personen mit akademischem Abschluss im Münsterland innerhalb des letzten Jahres um 3,8 Prozent gestiegen. „Die Chancen, aus der Arbeitslosigkeit heraus eine neue Beschäftigung zu finden, sind im Münsterland derzeit so gering wie lange nicht“, bestätigt Benedict Kegler, Teamleiter der Arbeitsvermittlung der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster. Gleichzeitig betont er, dass Personen mit akademischen Qualifikationen wie einem Uniabschluss im Vergleich deutlich besser dastehen als Personen mit einer geringen beruflichen Qualifikation: „Unterm Strich lässt sich sagen: Menschen mit einem akademischen Abschluss haben am Arbeitsmarkt bessere Chancen als andere Gruppen, aber deutlich schlechtere als in der Zeit vor Corona.“
Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt
Als möglichen Grund identifiziert Benedict Kegler neben der wirtschaftlichen Lage auch die Veränderung des Arbeitsmarktes durch Künstliche Intelligenz: „Routineaufgaben werden zunehmend automatisiert. Insbesondere der Berufseinstieg ist für Akademikerinnen und Akademiker daher derzeit eine größere Hürde als bislang, da sie früher zum Berufseinstieg häufig über Routineaufgaben in einen Arbeitsbereich eingearbeitet worden sind.“
Eine Veränderung durch KI sieht auch Professor Sascha Stowasser, der am Institut für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf forscht. „Künstliche Intelligenz verändert die Tätigkeitsprofile und Anforderungen an Beschäftigte“, sagt er. Aus Sicht der Arbeitswissenschaft werde der reflektierte Umgang mit KI zu einer Grundkompetenz. Nicht jede Person muss programmieren können. „Aber Beschäftigte müssen verstehen, was KI leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wie Ergebnisse überprüft werden“, erläutert der Wissenschaftler. Dass es für junge Akademiker schwieriger geworden ist, einen Job zu finden, nimmt er ebenfalls wahr. „Ich wäre aber sehr vorsichtig, den Rückgang allein der KI zuzuschreiben. Er hängt vor allem mit der wirtschaftlichen Abschwächung und der Normalisierung nach dem starken Nachholeffekt der Pandemie zusammen.“ Die derzeitige Unsicherheit in den Unternehmen führe zu einer Zurückhaltung beim Einstellen neuer Mitarbeiter.
Kein Grund für Pessimismus
Düster in die Zukunft schauen brauchen junge Akademiker aber nicht. Aufgrund des demographischen Wandels würden gut qualifizierte junge Menschen mittel- und langfristig gebraucht, so Stowasser. Zudem sei die Lage je nach Branche unterschiedlich: „In konjunktur- und kostenempfindlichen Bereichen ist der Einstieg derzeit schwieriger. In technologie-, industrie- und gesundheitsnahen Feldern bestehen weiterhin gute Perspektiven.“
Stowasser rät jungen Absolventinnen und Absolventen daher, früh Praxiserfahrung zu sammeln und KI nicht als Bedrohung zu behandeln: „Wer heute sinnvoll mit KI arbeiten kann, hat in vielen Berufen einen Vorteil.“ Außerdem sollten Jobsuchende nicht zu lange auf die vermeintlich perfekte Stelle warten. „Gerade am Anfang ist oft wichtiger, ob man lernen, Verantwortung übernehmen und ein belastbares Profil entwickeln kann“, so der Arbeitsforscher. Ähnliches empfiehlt auch Benedict Kegler von der Agentur für Arbeit: „Manchmal ergeben sich gute Chancen nicht direkt im Wunschberuf, aber in einem ähnlichen Bereich. Von hier aus lässt sich die berufliche Karriere dann weiterentwickeln.“ Wichtig sei vor allem, Geduld zu haben und dranzubleiben. „Erfahrungsgemäß kann es derzeit länger dauern, eine neue Anstellung zu finden“, sagt Kegler.
Für Marie hat sich das Dranbleiben gelohnt. Nächste Woche hat sie ein Bewerbungsgespräch für eine Trainee-Stelle im Marketingbereich eines Unternehmens. Sie hofft, darüber langfristig im Unternehmen bleiben zu können. Bewerbungen schreibt sie trotzdem noch: „Ich werde mit Sicherheit nicht die Einzige beim Bewerbungsgespräch sein.“
