Folge 01: Tristan und Isolde
Studierst du in Münster? Dann hast du ein Kultursemesterticket! Mit Erfahrungsberichten zeigt euch die Kulturredaktion des Semesterspiegels, was ihr damit erleben könnt.

Es fühlte sich falsch an. Als ich im Buchungsportal des Theaters Münster auf den Saalplan schaute, musste ich kurz dem Impuls widerstehen, wie immer zuerst nach den billigsten Plätzen zu suchen – also die, bei denen man sich freut, wenn man die Bühne überhaupt noch erkennt. Stattdessen klickte ich auf das Feld „Zur Bestplatzbuchung“ und blickte etwas ungläubig auf den Bildschirm, während ich die Kategorie „Platzgruppe 1+“ auswählte und die Maus vom Normalpreis (52 €!) an diversen Vergünstigungen vorbei zum Feld „Kultursemesterticket“ bewegte. Preis: 0,00 €. Nach ein paar weiteren Klicks war das Ticket gebucht. Noch war ich skeptisch: Hatte ich irgendwas übersehen? Konnte es wirklich so einfach gewesen sein?
Ein paar Tage später stehe ich im Foyer des Theaters Münster und kämpfe gegen das Gefühl an, fehl am Platz zu sein. Ich sehe mich um. Es hat etwas von einer Firmenfeier: voll, formell, leicht angespannt. Überall Abendgarderobe und graue Haare. Man bewegt sich zielstrebig irgendwohin oder steht in Kleingruppen zusammen, optional mit Sektglas. Ich bin allein.
Heute wird eine Oper gespielt, die ich schon seit längerer Zeit sehen will: Tristan und Isolde von Richard Wagner. Mit Wagner verbinde ich vor allem zwei Dinge: meinen Vater, der von Wagners Musik immer mit der größten Ehrerbietung spricht, und eine Stunde aus dem Musikunterricht, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Unsere Lehrerin erklärte uns damals Wagners berühmte Leitmotivtechnik – und ihre Begeisterung dafür hat großen Eindruck auf mich gemacht. Sie gab mir das Gefühl, dass Wagners Opern sich aus der unüberschaubaren Masse, die sich unter dem Titel „klassische Musik“ versammelt, als etwas abheben, das mit dem Rest nicht recht vergleichbar ist. Als ich auf dem Spielplan des Theaters Münsters gesehen habe, dass Tristan und Isolde gespielt wird, war klar: Da muss ich hin!
Die Handlung ist schnell erzählt: Tristan und Isolde verlieben sich, äußere Umstände machen ihr Zusammensein unmöglich, und am Ende verzweifeln sie an dieser Unmöglichkeit und begehen Selbstmord, um zumindest im Tod vereint zu sein. Dazu Musik – und nach gut fünf Stunden ist man wieder auf dem Weg nach Hause.
Zugegeben, dass mich eine solche Aussicht mit Vorfreude erfüllt, sagt mehr über mich aus als über das Stück. Es ist kein Ausweis besonders feinen Geschmacks, sondern vor allem ein Zeichen eines Privilegs. Denn freiwillig in die Oper zu gehen, heißt nicht nur, sich auf ein bestimmtes Werk einzulassen, sondern auch auf einen Ort mit eigenen sozialen Codes – und auf eine durch und durch bourgeoise Atmosphäre.
So sehr ich mich auch davon distanziere: Als jemand, der die Möglichkeit hatte, selbst ein Instrument zu erlernen, und den seine Eltern in der Kindheit oft mit in die Philharmonie genommen haben, bin ich unvermeidlich auch ein Teil davon. In meine Vorfreude mischt sich deshalb leise auch ein anderes Gefühl: Scham.
Nur wenige Momente später sitze ich erstarrt auf meinem Platz im Parkett des großen Saals und lausche wie gebannt den ersten Takten der Musik, die im berüchtigten „Tristan-Akkord“ münden. Er klingt wie die musikalische Übersetzung des Wortes „Mysterium“ – schwebend, geheimnisvoll, spannungsgeladen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass dieser Akkord „unerfüllte Sehnsucht“ repräsentiert, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Stück zieht. Das Gefühl, das ich beim Hören dieser ersten Takte habe, erinnert mich allerdings eher an die „Suspense“ in einem Hitchcock-Film, als würde die Musik ein Ereignis von großer emotionaler Intensität vorbereiten, das sich noch nicht greifen lässt.
In der ersten der beiden Pausen verschlinge ich eine überteuerte Brezel, als hätte mein Körper gerade eine große Anstrengung hinter sich. Es gibt im oberen Foyer sogar einen Stand, an dem Suppe und Sandwiches verkauft werden; davor bildet sich eine erstaunlich lange Schlange. Die restlichen zwanzig Minuten, bevor der Gong ertönt und die Menge sich träge wieder in Richtung Saal bewegt, verbringe ich am Handy und überfliege den Wikipedia-Artikel zur Oper. Ich lese, dass einmal eine geplante Uraufführung in Wien aufgrund von Stimmproblemen des Tenors, der die Tristan-Partie singen sollte, mehrmals verschoben und schließlich abgesagt wurde, nachdem schon 77 Proben dafür abgehalten wurden. Ich lächle. Es ist beruhigend zu wissen, dass auch die Größten scheitern können.
Halb hinter meinem Bildschirm versteckt, beobachte ich die Leute um mich herum. Nicht nur das Stück, sondern die ganze Veranstaltung atmet „Hochkultur“. Klar, ich sehe auch Menschen in meinem Alter und es ist auch nicht so, als würde ich in meinem Second-Hand-Sakko und meinen Doc Martens ganz aus dem Raster fallen. Und doch lassen sich die meisten Besucher:innen nur allzu leicht in das klischeehafte Bild einordnen, das ich von Leuten habe, die sonntags in die Oper gehen: angejahrt, bürgerlich und versnobt.

Das gepaart mit der Tatsache, dass Wagners Werk von seinem Nationalismus und einem glühenden Antisemitismus kontaminiert ist, der ihn im Dritten Reich zum kulturellen Aushängeschild der Nazis und zu Hitlers Lieblingskomponisten werden ließ, könnte problemlos das Urteil unterfüttern, dass die ganze Sache hier ziemlich rückwärtsgewandt und politisch mehr als nur ein bisschen verdächtig ist.
Und wieder kommt dieses Gefühl in mir hoch. Ich kann es nicht ganz abstellen. Ich merke, dass es mir unangenehm wäre, jemandem auf einer WG-Party auf die Frage, was ich an diesem Wochenende gemacht habe, ohne weiteres hiervon zu erzählen. Lässt es sich also überhaupt rechtfertigen, dass ich hier bin?
Doch dann beginnt der zweite Aufzug und ich sitze erneut leicht vorgebeugt, fast schon hypnotisiert, auf meinem Platz im Parkett. Ich beobachte Tristans und Isoldes Liebesnacht, und meine Scham aus der Pause ist wie weggewischt. Inzwischen ist unschwer zu erkennen, warum mein Sitz zur „Platzgruppe 1+“ zählt: Ich bin so nah an der Bühne, dass ich die Schweißtropfen auf Isoldes Schläfen sehen kann. Es ist ein bisschen, als säße ich in einem Kinosaal mit riesigem Bild und glasklarem Sound – meine Wahrnehmung wird vollständig vom Geschehen auf der Bühne eingenommen, während alles andere in der Dunkelheit verschwindet.
Aber nicht nur die Nähe zur Bühne, auch die Musik selbst scheint darauf ausgelegt zu sein, jede Distanz zwischen mir und dem Geschehen aufzuheben. Entgegen der gängigen Vorstellung von „Hochkultur“ ist die Erfahrung dieser Oper keine intellektuelle Angelegenheit. Ich sitze nicht da und analysiere die Handlung oder reflektiere die Tragik der unerfüllten Liebe, wie man es vielleicht im Proseminar oder bei einer Fernsehserie tun würde. Stattdessen ist es, als würde die Musik jede Form kritischer Distanz außer Kraft setzen – und mich vollständig für sich beanspruchen.
Natürlich ist ein Werk, das einen so vollständig verschlingt, nie so unverfänglich, wie es in einem solchen Moment erscheint. Gerade bei Wagner ist kritische Distanz durchaus angebracht. Der Sog seiner Musik wirkt fast schon manipulativ. Doch für diesen Augenblick sitze ich da und kann den Blick nicht von der Bühne lösen. Die Zeit scheint stillzustehen.
An einem zentralen Punkt schlägt meine Faszination allerdings in Unbehagen um – ausgerechnet am Höhepunkt des Stücks, Isoldes Liebestod. Nachdem Tristan sich aus Verzweiflung das Leben genommen hat, verfällt sie in eine Art Trance. Sie ist nicht traurig, sondern hat eine Vision, in der sie sich mit Tristan im Tod vereint sieht, und singt von „höchster Lust“. Der Tristan-Akkord erklingt ein letztes Mal und löst sich endgültig auf.
Ich weiß, das soll romantisch sein: die Liebe als etwas Überirdisches, das selbst den Tod überwindet. In mir löst dieser Abschluss jedoch ein Störgefühl aus. Zum ersten Mal tauche ich aus der Immersion auf und schüttle die Erstarrung ab. Ich merke, dass ich sauer auf Tristan bin. Aus meiner Perspektive – und schließlich habe ich ja einen sehr guten Platz! – hat er sich die ganze Zeit selbst sabotiert und damit die reale Möglichkeit eines Lebens mit Isolde verspielt. Ein klassischer Fall von Commitment Issues.
Als ich schließlich in der Menschentraube vor dem Saalausgang stehe und mich in den Gänsemarsch Richtung Garderobe einreihe, denke ich kaum noch darüber nach, ob mich andere möglicherweise als Eindringling in ihre erhabene Sphäre sehen. Während des gesamten Abends habe ich keinen einzigen schrägen oder wertenden Blick wahrgenommen. Im Gegenteil, mit einer Mischung aus Erleichterung und Ernüchterung stelle ich fest, dass sich offenbar niemand für mich interessiert.
Und liegt nicht genau in diesem Gefühl der befreiende Effekt des Kultursemestertickets? Klar, es geht natürlich in erster Linie um den demokratischen Grundsatz, dass Kultur für alle zugänglich sein soll. Aber es waren wohl auch meine eigenen Vorurteile, die mich gehemmt und diese Erfahrung für mich „gegatekeept“ haben. Dabei hat das einschüchternde Drumherum, das den Besuch einer solchen Veranstaltung umgibt, weit weniger Substanz als ich es mir in meinen Gedankenkreisen um ominöse „Regeln“ ausgemalt habe, die hier angeblich herrschen.
Es ist leicht, Gründe dafür zu finden, warum man sich ein Stück wie Tristan und Isolde nicht anschauen sollte, warum Wagner hochproblematisch ist und warum lieber andere Stücke im Theater Münster gespielt werden sollten. Und ich sage nicht, dass das alles nicht stimmt, aber selbst wenn das alles zutrifft – macht man es sich dann nicht trotzdem zu leicht? Ist nicht die Faszination oder die Anziehung, die dieses Stück auf mich ausgeübt hat, irgendetwas wert?
Am Ende trete ich aus dem Theater wieder in die Kälte des Dezemberabends und werde noch immer von Wellen dieser Faszination durchströmt. So recht vertrauen kann ich ihr allerdings nicht – ich weiß, dass man solche Erfahrungen am nächsten Morgen, wenn sich der Rausch der ersten Liebesnacht gelegt hat, in einem anderen Licht sieht. Dieser Gedanke tröstet mich. Denn in der Intensität dessen, was ich gerade erlebt habe, liegt eine Zweideutigkeit, die kaum treffender formuliert werden könnte als in einem Satz Friedrich Nietzsches, den ich in der Pause gelesen habe: „Ich hasse Wagner, aber ich halte keine andere Musik mehr aus.“
Auf dem Weg zu meinem Fahrrad hole ich sicherheitshalber meine AirPods aus der Tasche, um zu testen, ob ich noch andere Musik aushalte … zum Glück.
