Eine Aussage, die im ersten Moment erschreckend wirken kann, aber bei weitem nicht unüblich ist: „Ich breche mein Studium ab!“ An deutschen Universitäten ist beinahe jeder Dritte davon betroffen. Leider fällt es dabei vielen schwer, darüber zu reden und ihre Zweifel kundzutun. Zweifel werden verdrängt, Sorgen still geschluckt. Dabei kennen wir sie alle – ob im Job, im Studium oder in Beziehungen: Unsicherheiten, die uns grübeln lassen, ob wir auf den richtigen Hafen zusteuern.
Vielleicht betrifft es dich, vielleicht jemand in deinem Umfeld. Auch hier in Münster. Auch in deinem Studiengang. Zweifel sind nichts Schlimmes, im Gegenteil: Es ist normal, sich Gedanken zu machen, etwas zu hinterfragen und sich Sorgen darüber zu machen, ob das eigene Studium das Richtige für dich ist. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland” zeigt: Zweifel, Stress und Sorgen plagen über 50% der 14- bis 29-Jährigen. Nur leider reden wir viel zu selten über Zweifel – es ist ein totgeschwiegenes Thema. Ein Tabuthema. Das sorgt dafür, dass sich die Situation verschlechtert und du, der diese Zweifel vielleicht selbst hast, wie ein Boot ohne Funkkontakt, auf dich allein gestellt bleibst.
Es ist schwer, sich mit diesen Problemen an andere zu wenden. Schließlich bist du vielleicht extra nach Münster gezogen, hast statt eines FSJs, eines Work & Travel-Progamms oder eines Praktikums direkt angefangen zu studieren und nun das Gefühl, deine Zeit verschwendet zu haben. Vielleicht hast du auch Angst davor, was andere dazu sagen, wie deine Eltern oder Freunde reagieren, wenn du mit deinen Sorgen zu ihnen kommst. Diese Angst kann man dir nicht nehmen, aber man kann dir mit Respekt entgegenkommen, denn eine solche Entscheidung braucht eines: Mut – Mut, das Steuer herumzureißen, bevor du auf Grund läufst.
Du studierst nicht für deine Professoren, nicht für deine Eltern und auch nicht für irgendjemanden anderen. Du bist an der Universität, um für dich zu lernen und das Beste aus dir zu machen, um deine Zukunft zu sichern und deinen Traum zu leben. Und dafür ist es in Ordnung, wenn du mal einen Umweg fährst oder vom Kurs abkommst. Nimm deine Zweifel ernst, lass sie nicht von anderen herunterspielen und verdränge diese vor allem nicht. Denk nicht, dass du deine Zeit verschwendet hast, denn du hast in dem Semester, in dem Jahr oder in den Jahren interessante Dinge gelernt, hast verstanden, dass dieses Studium nicht das richtige ist, hast neue Freunde kennengelernt und viel Spaß gehabt.
Es ist okay, keinen Plan zu haben oder seinen bisherigen Plan über Bord zu werfen. Und wenn du nicht weiterweißt, kann dir auch die Universität helfen. Der Career Service hat eine „Beratung bei Studienzweifeln und Abbruchgedanken“. Solltest du also mal nicht wissen, an wen du dich wenden sollst, bietet dir diese Anlaufstelle einen sicheren Hafen, den du ansteuern kannst. Hier werden deine Fragen beantwortet, du kannst deine Zweifel diskret offenbaren und Hilfe bekommen.
Fang also an, deine Zweifel ernst zu nehmen, wenn du es noch nicht getan hast. Sprich mit Menschen in deinem Umfeld, egal ob Familie, Freunde oder mit dem Career Service der Universität. Mach dir Gedanken über mögliche Alternativen. Vielleicht gibst du dem Studiengang noch eine Chance oder nimmst einen neuen Kurs auf, ob Studiengangswechsel, eine Lehre oder eine Pause.
Ich selbst habe zum Wintersemester auch das Ruder rumgerissen in Richtung eines neuen Studiengangs. Mir fiel diese Entscheidung ebenfalls nicht leicht – ich bin aber froh, sie getroffen zu haben.
Und wenn du zufrieden mit deiner Situation bist, schau in Zukunft vielleicht etwas aufmerksamer auf deine Kommilitonen, hör offen zu, wenn jemand dich auf dieses Thema anspricht. Sei da. Hilf anderen. Denn ohne Hilfe werden kleine Zweifel schnell größer. Was als leises Plätschern beginnt, kann zu hohem Wellengang werden.
