(Un-)Gleichheiten

Fast jede Woche ermordet in Deutschland ein Mann eine Frau wegen ihres Geschlechtes. Der häufigste Hintergrund für den Mord: Die Frau hat sich nicht mehr von ihrem (Ex-)Partner kontrollieren lassen oder sie wollte sich trennen. 

Viele sehen die männliche Dominanz leider immer noch als natürliches Recht. Aber war das schon immer so? Besonders in Amerika, Süd-Ost-Asien und Afrika gab es auch viele starke matriarchale Kulturen.1 Wann hat sich also das Patriarchat so gravierend durchgesetzt? Einige Theorien deuten auf den Ursprung des Patriarchats vor etwa 12000 Jahren hin. Als weltweit viele Völker begannen, sesshaft zu werden und Ressourcen zu horten, kam es häufiger zu Auseinandersetzungen. Mehr Besitz – mehr Streit um den Besitz. Während die Männer in den Krieg zogen, mussten die Frauen zuhause bleiben, um Kinder zu bekommen. Das Patriarchat war geboren.2

Tausende Jahre wurden diese Klischees vertieft und von Generation zu Generation weitergegeben. Mittlerweile läuft das schon deutlich subtiler. Zum Beispiel haben meine Eltern mich nie so weit weglaufen lassen wie mein Bruder, nicht so weit raus schwimmen oder so hochklettern. Sie haben nie gesagt: „Das darfst du nicht“, aber sie waren bei mir viel ängstlicher als bei ihm. Das hat schon gereicht, damit auch ich an mir gezweifelt habe.

Das Patriarchat hat sich lange durchgesetzt. Aber wieso? Dass es einfach natürlich sein soll, dass die Männer alles besser wissen, tut mir leid, da bin ich raus. Dass Männer es einfacher haben, Muskeln aufzubauen und im Schnitt etwas größer sind, ist unumstritten. Größe und Stärke aber mit Herrschaft gleichzusetzen, ist ein trügerischer Rückschluss. 

Die Forschung schaut gerade besonders auf die Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron. Es hat sich gezeigt, je weniger Testosteron, desto empfindungsstärker. Toll, das Klischee hat sich bestätigt. Die verletzliche, gefühlsduselige Frau. Aber zunächst: Seit wann sollen Gefühle bitte etwas Schlechtes sein? Empathie ist doch viel mehr eine Stärke. Außerdem lässt sich der Hormonspiegel durch das eigene Verhalten oder Konfrontation mit Klischees beeinflussen. Zum Beispiel zeigen Männer, die mit Geschlechterklischees konfrontiert werden, anschließend einen höheren Testosteronspiegel.3 Tatsächlich kann jeder Mensch seinen Hormonspiegel beeinflussen. Beispielsweise lässt sich der Östrogenwert durch die Pflege von Angehörigen steigern. Der Testosteronspiegel auf der anderen Seite kann zum Beispiel durch das Ausüben einer Kampfsportart erhöht werden. Was stimmt denn jetzt? Sind Frauen und Männer eigentlich gar nicht so verschieden? Oder gibt es doch Unterschiede?

Wer hat nicht schon mal gehört, dass Frauen schlechte Autofahrerinnen sind, Männer Mathe gut können, aber Frauen dafür die Sprachen leichter fallen. Mehrere Studien zeigen aber mittlerweile, dass diese stereotypen Fähigkeiten im Vergleich zwischen den Geschlechtern gar nicht unterschiedlich ausfallen. Im Gegenteil: sämtliche psychische Fähigkeiten variieren viel größer innerhalb des jeweiligen Geschlechtes. Einige Forscher gehen davon aus, dass Unterschiede, die vielleicht im Alltag auffallen, komplett anerzogen sind. 

Die Persönlichkeit ebenso wie Stärken und Schwächen werden also viel mehr durch individuellen Charakter, Sozialisation und Konfrontation mit Vorurteilen geprägt, als durch das Geschlecht. Trotzdem ist das Vorurteil der schwachen Frau in unserer Gesellschaft noch so stark verankert, dass das Gehalt einer ganzen Berufsgruppe sinkt, wenn mehr als 60% der Angestellten weiblich sind.4


  1. Angela Saini: „Die Patriarchen“ 
  2. Wissen Weekly: „Gleichberechtigung: Wann erreichen wir sie?“ 
  3. GEO, Geschlechterforschung? Wie sich Frau und Mann unterscheiden: Verblüffende Erkenntnisse der Forschung 
  4. Wissen Weekly: „Gleichberechtigung: Wann erreichen wir sie?“, Wissen Weekly: „Geschlechterklischees: Was unterscheidet Männer und Frauen wirklich?“