„Dann esse ich halt doppelt so viel Fleisch, dann machst du keinen Unterschied“. Neben vielen weiteren gedankenlosen Äußerungen solcher Art ist das ein Satz, den man sich als vegan lebende Person häufig – und ja, verdächtigerweise nicht selten von männlicher Seite – anhören muss. Da bekommt man zunehmend den Eindruck, das Wort „vegan“ nehme den Stellenwert eines Schimpfwortes ein. Dass es kein Zufall ist, dass diese fragwürdigen Äußerungen vor allem von Männern geäußert werden, ist ziemlich eindeutig. Wie bei fast allem, was so in unserer Gesellschaft schief läuft, können auch hier wieder etablierte Machtstrukturen und Geschlechterrollen – kurz, das Patriarchat – zur Verantwortung gezogen werden.
Schon der Fakt, dass tatsächlich nur ein Fünftel der in Deutschland lebenden veganen Personen männlich ist, lässt vermuten, dass in Sachen Essverhalten im Kontext von „Männlichkeit“ gewaltig etwas schief läuft. Tatsächlich beweisen aktuelle psychologische Studien ironischerweise die Befürchtung vieler männlicher Fleischesser, durch den Umstieg auf vegane Ernährung stigmatisiert zu werden. Demnach würde sich eher über vegan lebende Männer lustig gemacht, sie würden eher ausgegrenzt und als weniger männlich angesehen werden. Ob das jetzt Grund genug dafür ist, Tierleid zu unterstützen, sei dahingestellt, aber solche Berichte geben auf jeden Fall Anlass zu der Frage, wo dieses Gedankenbiotop eigentlich herkommt.
Die sichtbar werdende Verbindung von Fleischkonsum und „Männlichkeit“ geht, wie sollte es anders sein, auf die Urzeit zurück – Männer gingen jagen, Frauen sammeln. Weil Fleisch also ursprünglich nur durch körperlich fordernde Jagd zu erlangen war, ist es bis heute eng mit dem Bild von Stärke und Männlichkeit verknüpft. Dass das Jagen schon lange keine Voraussetzung mehr für den Konsum von Fleisch ist, ist bei uns nach knapp 10.000 Jahren leider immer noch nicht angekommen. Auch konnte man sich noch nicht von der Vorstellung, „Mann-Sein“ habe etwas mit eben dieser körperlichen Stärke gemein, losreißen. So baut unsere Gesellschaft weiterhin darauf, dass der Verzicht auf Fleisch neben dem Verzicht auf das Produkt an sich eben vor allem das Aufgeben von „Männlichkeit“ und Macht ist. Entlang dieses Gedankens ist das Konsumieren von Fleisch also gleichzeitig das Aufrechterhalten von Machtstrukturen. Und wehe dem, der sich diesen Strukturen widersetzt und auf Lebensmittel zurückgreift, lass es das Wagnis eines Stück Tofus sein, die mit Frauen und somit Machtlosigkeit assoziiert werden.
Wie schön es wäre, wenn von diesen Denkmustern nur Männer und ihre „Männlichkeit“ betroffen wären. Aber es sind doch immer die nicht männlichen Teile unserer Gesellschaft, die am meisten unter patriarchalen Strukturen leiden müssen. So kommt es oft, dass man in Werbung für Fleisch sexualisierte, entmenschlichte und animalisch wirkende Frauen antrifft. Dass diese vergleichende Darstellung von Frau und Tier in so manchem Mannes Kopf überhaupt Sinn ergibt, liegt an der psychologischen Verknüpfung von Sexismus und Speziesismus – beide sehen viele Männer als Konsumprodukt, dass es entlang der eigenen Begierde zu unterdrücken gilt. Objektifizierung ist dabei das, was es möglich macht, sowohl den Frauenkörper als auch den tierischen allein auf ihren Nutzen zu reduzieren. Damit einher gehen weitere Parallelen, wie die Herabstufung von Frau und Tier aufgrund angeblich fehlender, typisch menschlicher Attribute (ja, sogar die werden den Frauen abgesprochen) wie zum Beispiel Kompetenz und einer daraus resultierenden geringeren moralischen Wertigkeit. Die dadurch erschaffenen Hierarchien gaukeln vor, eine höhere Akzeptanz von Aggressivität gegenüber Frauen und Tieren sei unproblematisch. Beim Schicksal von Frau und Tier gilt also das Prinzip „mit gehangen, mit gefangen“ – wenn Männer so denken und handeln, wie oben beschrieben, dann gehen Sexismus und Speziesismus in ihren Köpfen Hand in Hand.
Und warum all das? Weil Männer den Konsum von Fleisch als Mittel dafür sehen, das männliche Bedürfnis nach gruppenspezifischer Dominanz zu befriedigen. Fleisch spiegelt all das, was sie dafür brauchen: Macht, Männlichkeit, Patriarchat. Zweifelt jemand dieses Mittel zur Stärkung von Geschlechterrollen an, sehen sie ihre höhere Stellung als gefährdet und reagieren dementsprechend aggressiv. Versuche, Männer beispielsweise durch das Vorhalten von veganen Sportlern als Beweis, dass auch mit tierleidfreier Ernährung die stereotypischen Männlichkeitsmarker Kraft und Stärke aufrechterhalten werden können, vom Vegan-Sein zu überzeugen, gehen leider nach hinten los. Sie verstärken die patriarchalen Strukturen und führen zu keiner wirklichen Hebung des Status von Tieren – die Frauen bleiben dabei dann ganz auf der Strecke. Wegen der direkten Verknüpfung von Sexismus und Speziesismus kann eine Veränderung dieser Verhaltensmuster tatsächlich nur herbeigeführt werden, wenn sowohl der Status der Tiere als auch der der Frauen in unserer Gesellschaft angehoben wird.
