Der Feminismus ist eine Fortschrittserzählung. Sie beginnt mit der Aufklärung, der die Frau unter seiner neu aufgeklärten Rationalität als „das andere Geschlecht“ etablierte. Natürlich ist der Feminismus, auch wenn Vertreter des Postkolonialismus diesen Fakt vielleicht bestreiten würde, keine Bewegung der Aufklärung. Wenn man diese nicht als eine Bewegung, nicht über ihren Begriff definiert, sondern nach Frauen, die sich gegen die Unterdrückung durch den Mann wehren, versteht, dann existiert er vielleicht schon seit jeher. Schon im römischen Reich wurde über Gendern gestritten und die Amazonen, als Mythos oder Realität, zeigen ein Bewusstsein des Gender-Konfliktes in längst vergangenen Zeiten. In unserer westlichen Idealisierung einer edlen wilden Zivilisation, ist die Existenz eines feministischen Kampfes nicht notwendigerweise gegeben. Verträumt stellen wir uns eine Gruppe von Menschen vor, die gemeinsam, Mann, Frau und Non-Binär, vor einem Feuer sitzen und ihre Vorstellungen ausdiskutieren. Die ursprüngliche Demokratie, die sich in den Stämmen findet und der eigentliche Zustand des Menschen, derjenige in dem wir noch glücklich waren. Eine wissenschaftstheoretische Skepsis lässt allerdings diese Vorstellung in Frage stellen. Im Zeichen der Macht dient diese Erzählung der Rechtfertigung von Veränderung, der Hoffnung, dass es tatsächlich schon anders gewesen ist und wir deswegen auch anders sein können.
In dieser Erzählung ist eine kapitalistische Kritik verarbeitet, welche die Menschen in eine Vergangenheit hypostasiert, in der alles noch im Reinen war. Noch hatte niemand das erste Schild mit „Betreten verboten“ aufgestellt, um seinen Besitz zu kennzeichnen. Mensch und Natur waren in Harmonie miteinander und damit auch die Geschlechter, die friedlich miteinander lebten, kämpften, sammelten und jagten.
Doch diese Vorstellung von der Vergangenheit ist umstritten. Eine ganze Disziplin hat sich so sehr in die Vorstellung von Jägern und Sammler verliebt, dass sie auf der Basis dieser Vorstellung die menschlichen Verhaltensweisen erklären wollen. Dabei wird Weiblichkeit mit einer Projektion in die Vergangenheit naturalisiert. Es scheint eine interessante Möglichkeit festzustellen, was nicht veränderbar ist, was an Männern und Frauen unterschiedlich ist. Allerdings hat sich das, was angeblich unveränderbar sein soll, in der Vergangenheit immer wieder verändert. Dabei funktionierten die Konstruktionen der Wissenschaft häufig als Argumente zum Erhalt des Status Quo und damit als Argumente zur Unterdrückung der Frau.
Die Skepsis ermöglichte die Kritik und damit die Befreiung. Auch heute wird der Wissenschaft ein Vertrauen geschenkt, der dem Gottesglauben gleicht. Nietzsches Worte sind den Geisteswissenschaftler*innen bewusst, aber in der Naturwissenschaft und der Gesamtgesellschaft sind seine Worte vergessen. Die Naturalisierung wird nicht hinterfragt. Frauen sind frei, wird behauptet, sie können wählen, was sie wollen und wählen Berufe, die zwar weniger Macht und Geld haben, ihnen aber gefallen, weswegen wir nichts zu verändern haben.
Nun lassen sich zwei Formen der Kritik anbringen. Entweder man kritisiert die Vorstellung, dass Frauen völlig frei sind, denn sie sind immer schon vorstrukturiert und nicht einfach völlig freie autonome Personen, die aus sich heraus entscheiden. Oder man argumentiert, indem man hinterfragt, wieso die Care-Arbeit so schlecht bezahlt wird, obwohl sie essenziell für eine Gesellschaft ist. Der konservative Politiker könnte hier der feministischen Politik gerecht werden und die Geburtenrate erhöhen, indem er die unbezahlte Care-Arbeit bezahlen lässt. Stattdessen wendet er sich an das alte Erfolgsrezept der Unterdrückung und versucht die Abtreibung zu verhindern.
Der Mann wiederum versteckt sich hinter der Biologisierung seines eigenen Geschlechts. Für ihn ist es keine Einschränkung, welche die evolutionäre Psychologie ihm aufzwingt, sondern eine Entlastung von der eigenen Verantwortung. Lieber verbringt er Jahre an Forschung, um seine von der Gesellschaft ihm eingeprägten Vorstellungen zu objektivieren als sich selbst zu reflektieren. Man muss ihm nachsehen, dass ihm das erste beigebracht wird und er dafür belohnt wird, während er für letzteres meist nur von seinen weiblichen Freundinnen Anerkennung bekommt.
Doch Männer sind nicht allein für ihre Verhaltensweisen verantwortlich. Auch sie werden von den Strukturen strukturiert. So ist die Veränderung, die nötig ist, häufig anstrengend und mit sehr viel Arbeit an sich selbst verbunden. Damit diese wirklich funktioniert, müssen viele Einrichtungen entstehen, die Männer dabei helfen. Es braucht männliche Räume, die, anders als die Männerumkleide, tatsächliche Verletzlichkeit zulassen.
Ist die Zukunft Pink? Die Fortschrittserzählung eines Feminismus sollte nicht einfach zerstört werden. Die Kraft, die eine solche Erzählung freilässt, ist notwendig, um den Kampf gegen das Patriarchat am Leben zu halten. Der Glaube an eine bessere Zukunft sollte beibehalten werden, auch wenn die Welt sich der Realisierung sträubt. Trump gewinnt in den USA als Repräsentant für eine weiße Gruppe von Männern, die mit den Veränderungen nicht umgehen können, denen allerdings gleichzeitig „der“ Feminismus auch tiefe Verletzungen zugefügt hat. Es ist das Empowern bei gleichzeitiger Herabsetzung des Mannes, welche die Privilegierten beschämt und verunsichert zurücklässt. Doch verschwinden unter den vereinfachten Slogans, die in ihrer Einfachheit notwendig sind, um zum Massenphänomen zu werden, die differenzierten Argumente. Auf einmal sind es alle Männer, die privilegiert sind und der weiße Mann steht auf der Spitze der Nahrungskette und hisst seine Fahne, während er ohne Möglichkeiten auf einen Job, der ihm sein Leben finanzieren kann, dahinfristet. Glücklicherweise wurde ihm in seiner Kindheit jegliche Fähigkeit über seine Emotionen zu reden herausgeprügelt, weswegen er sich stattdessen mit Alkohol, Gras und Opioiden das Leben schön betäuben kann.
Eine Vielzahl an Phänomenen wird als Backlash gegen die Bewegung des Feminismus gesehen, wobei es zur Debatte stehen sollte, ob es nicht einfach eine weitere Wiederholung des Patriarchats ist, das durch die feministischen Bewegungen nicht in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Hoffnungsvoll sieht man sich die Veränderungen in der Mehrheitsgesellschaft an. Noch 1970 glaubten über 70%, dass es in Ordnung wäre seine Frau zu schlagen. 2003 sind es „nur“ knappe 4%. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 verboten, „Me too“ erreicht einen Großteil der westlichen Welt und führte im Juni 2016 zu einem Gesetz, dass die Philosophie „Nein heißt Nein“ verwirklichte. 2023 waren nach dem statistischen Bundesamt 52,8% der Absolvent:innen Frauen. Bei den Promovierenden sind es 46,3%, anfang der 2000er waren es 32%, und bei der Habilitation lediglich 36,9%, wobei es im Jahr 2000 nur 12% waren. Der Trend geht noch oben. Das Selbstbewusstsein erscheint, junge Mädchen glauben zunehmend weniger, dass sie einen Mann brauchen und wehren sich aktiv. Die arrogante Selbstverständlichkeit mit welcher Männer Frauen noch bekamen, die in Filmen der 90er Jahren, von Männern geschrieben, verdinglicht wurde, bröckelt zunehmend in Angesicht der selbstbewussten Frauen von heute. Ach ja, und lauter Frauen sind an der Macht, oder kurz davor. Giorgia Meloni, Alice Weidel und Marine LePen führen ihre Parteien an, um die Gesellschaft umzukrempeln. Doch was ist das für ein ironischer Witz des Schicksals, dass ausgerechnet diejenigen das Ende des Feminismus propagieren, die aufgrund dessen Wirkmächtigkeit überhaupt erst in die Lage gekommen sind ihre Rollen einzunehmen.
Dieser Einschnitt ist der Beginn einer Aufzählung, welche die Fortschrittshoffnung ins Wanken bringt. Junge Männer wählen zu einer Vielzahl die AfD. Sie schauen Videos von Andrew Tate, Jordan Peterson und anderen selbsternannten Experten der Manosphere, die mit spärlichem Wissen über Philosophie die Konzepte großer Denker verhunzen, um ihre eigene Agenda zu stärken. Gleichzeitig vertrauen sie mit der evolutionären Psychologie auf eine Wissenschaft, die unter dem Ideal der Unfehlbarkeit der Wissenschaften sich verstecken kann und damit die Vorstellungen ihrer misogynen Laborkittelträger, die niemals ein Labor besucht haben, zu Fakten erstarren lassen. Tradwives spüren die Doppelbelastung aus Care-Arbeit und Erwerbsarbeit. Sie fliehen zurück in die Vergangenheit, anstatt den feministischen Kampf weiterzuführen. Die Gegenbewegung ist stark und sie sitzt nicht in den Köpfen der alten Generationen, sondern in den Köpfen junger Männer (und Frauen).
Wie wird dieser Geschlechterkampf ausgehen? Die Hoffnung bleibt, dass der rechte Backlash eine Welle ist, die versiegt und nicht zu einem Tsunami wird.
