Fünf Fragen an… das ZIN

Das Zentrum für interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) ist ein Zusammenschluss von Profesor*innen und Mitarbeitenden der WWU Münster, die sich mit verschiedenen Facetten des Themas „Nachhaltigkeit“ beschäftigen. Im ZIN sind viele wissenschaftlichen Bereiche vertreten: die Geistes- und Rechtswissenschaften, die Geowissenschaften sowie die Theologie. Im ZIN wird gebündeltes wissenschaftliches Know-How eingesetzt, um sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Unsere Autorin Ruth Döpker stellte fünf Fragen zum ZIN an Professorin Doris Fuchs.  

Prof’in Doris Fuchs ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung und seit 2015 Sprecherin des ZIN.
Quelle Foto: Doris Fuchs

SSP: Was war der Impuls für die Gründung des ZIN 2015 und welche Ziele verfolgt das Zentrum seitdem?  

DF: Im Bereich Nachhaltigkeit wird bereits sehr viel geforscht, nicht zuletzt an der Uni Münster und auch in der Praxis ist das Thema in immer mehr Bereichen – Politik, Wirtschaft und Bildung –  präsent. Trotzdem sind wir noch weit davon entfernt, befriedigende Antworten auf die Frage zu finden, wie ein gutes Leben innerhalb biophysischer Grenzen für heutige und zukünftige Generationen zu verwirklichen ist. Dort, wo es bereits Antworten gibt, hadert es oft an der konsequenten Umsetzung. Vor dem Hintergrund der Dringlichkeit dieser Fragen kann sich – so sehen es zumindest die Mitglieder des ZIN – die Wissenschaft nicht verschließen und muss Beiträge zum öffentlichen Diskurs um Nachhaltigkeit leisten. Diese Beiträge können unterschiedlich aussehen und daher verfolgt das ZIN auch eine Bandbreite verschiedener Ziele: Wir wollen sowohl in der Forschung tätig sein und neue wissenschaftliche Erkenntnisse liefern, als auch durch interdisziplinäre Lehrveranstaltungen die Lehre im Bereich Nachhaltigkeit bereichern. Außerdem stehen wir für Akteure aus der Praxis als Ansprechpartner bereit, also zum Beispiel für Medien, das Land NRW oder zivilgesellschaftliche Organisationen.

SSP: Was ist der Mehrwert eines interdisziplinären Ansatzes?

DF: Fragestellungen im Bereich Nachhaltigkeit sind oft sehr komplex und so facettenreich, dass sie von einer einzigen Disziplin niemals ganz erfasst werden können. Ich würde das gern anhand eines konkreten Beispiels erklären: Ein Problem, das inzwischen immer stärker in den Blick der Öffentlichkeit rückt, ist der durch Coffee-to-Go-Becher entstehende Müll. Naturwissenschaftler*innen könnten erklären, warum diese Becher nicht verrotten und wie sich das negativ auf die Umwelt auswirkt, oder vielleicht alternative Materialien entwickeln, deren ökologische und soziale Implikationen dann wieder zu überprüfen wären. Politikwissenschaftler*innen würden vielleicht darauf verweisen, dass Einwegbecher nur einen geringen Teil der insgesamt anfallenden Müllmengen ausmachen und kritisch hinterfragen, ob der Fokus auf genau diese Art von Müll nicht zu viel Verantwortung an Verbraucher*innen abgibt. Sie könnten aber auch einen Überblick über bereits existierende politische Aktivitäten gegen Coffee-to-Go-Becher geben, wie zum Beispiel Aktionen zivilgesellschaftlicher Initiativen oder Kampagnen zur Besteuerung dieser Becher. Um zu erfahren, ob eine solche Besteuerung aber überhaupt mit unseren Gesetzen vereinbar wäre, müsste man wiederum Rechtswissenschaftler*innen hinzuziehen. Genau wie das Müllproblem durch Einwegbecher sind viele Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit nur durch die Zusammenarbeit verschiedener fachlicher Disziplinen ganzheitlich zu adressieren und zu bewältigen. Durch die Zusammenführung von zahlreichen Professor*innen aus verschiedenen Disziplinen macht das ZIN genau diese Herangehensweise möglich.

SSP: Welchen Bezug hat das ZIN zur Stadt Münster?

DF: Genauso wie dem Land NRW stehen wir auch für die Stadt Münster als Ansprechpartner in Nachhaltigkeitsfragen bereit. Wir bringen uns unter anderem durch die Mitwirkung an kommunalen Projekten bereits aktiv in die Verwirklichung von Nachhaltigkeit in Münster ein. Das ZIN ist seit 2016 im Beirat des Projektes „Global Nachhaltige Kommune NRW“ und arbeitet daran mit, ein Handlungsprogramm für die Umsetzung der „Sustainable Development Goals“ in Münster zu erstellen. Seit Februar 2018 sind wir auch als Mitglied des Projektbeirates zum Prozess „Münster Zukünfte 20|30|50“ weiter an der Zukunftsgestaltung der Stadt beteiligt und setzen uns dort vor allem dafür ein, dass Münsters Zukunft nachhaltig sein wird.

SSP: Inwiefern stellt das ZIN eine Bereicherung der Universität Münster dar?

DF: Das ZIN bereichert die Universität Münster in den Bereichen Forschung und Lehre. Durch die Zusammenführung von Wissenschaftler*innen schaffen wir Räume, in denen produktiv interdisziplinär zu Nachhaltigkeit gearbeitet werden kann. Die Ergebnisse dieser Arbeit finden sich in unseren ZIN-Diskussionspapieren oder in einem gemeinsamen Sammelband zur Enzyklika Laudato Si‘, der bald erscheinen wird. Mit Blick auf die Lehre bündeln wir zunächst die nachhaltigkeitsrelevanten Veranstaltungen der Professor*innen des ZIN und ihrer Mitarbeiter*innen auf unserer Homepage. Interessierte Studierende finden dort Seminare und Vorlesungen zu Themen wie beispielsweise Umweltrecht, Klimaökonomik oder Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Zum Teil führen ZIN-Mitglieder auch gemeinsame Veranstaltungen durch, so trafen in einem Seminar zu internationaler Umweltpolitik und Recht Studierende der Politikwissenschaft und der Rechtswissenschaften zusammen. Nicht zuletzt richten wir im Sommersemester 2018 zum dritten Mal die Vortragsreihe „ZIN-Brotzeitkolloquium“ aus. Im ZIN-Brotzeitkolloquium halten Referierende verschiedener Fachrichtungen Vorträge zum jeweiligen Oberthema.  In diesem Sommersemester lautet das Thema „Bedingungen und Pfade einer gesellschaftlichen Transformation zur Nachhaltigkeit“ und wir freuen uns auf Vortragende, die sich mit Mobilität, Urbanisierung oder der Rolle von Utopien für Nachhaltigkeit beschäftigen. Das Besondere am ZIN-Brotzeitkolloquium ist, dass es für Studierende aller Fächer offen ist und daher auch keinerlei fachliches Vorwissen voraussetzt. Wir legen außerdem Wert darauf, dass es immer Zeit für Diskussionen gibt, und diese sind durch das vielfältige Publikum meist sehr spannend.

Während wir so bereits in vielerlei Hinsicht einen Mehrwert für die Uni Münster darstellen, würden wir uns gern noch stärker einbringen, um die WWU im Bereich Nachhaltigkeit besser aufzustellen. Zahlreiche andere Hochschulen haben inzwischen bereits Nachhaltigkeitsstrategien, Nachhaltigkeitsbeauftragte oder Stabsstellen, an denen nachhaltigkeitsrelevante Informationen, z. B. auch zu Fragen der Nachhaltigkeitsperformanz der Universität zusammenlaufen. Hier kann die WWU momentan noch nicht mithalten. Eine stärkere Institutionalisierung an der WWU würde dem ZIN die Chance bieten, unsere Universität auch in diesem Bereich nach vorne zu bringen.

SSP Wie schafft es das ZIN, seine verschiedenen Zielgruppen anzusprechen?

DF: Die Studierenden sprechen wir durch die Angebote im Bereich Lehre an, die ich gerade beschrieben habe. Das Brotzeitkolloquium ist allerdings nicht ausschließlich für Studierende zugänglich. Hier sind auch interessierte Bürger und Bürgerinnen herzlich eingeladen! Wir versuchen darüber hinaus auch Menschen anzusprechenden, die (noch) nicht zur „interessierten“ Öffentlichkeit gehören und für die das Thema Nachhaltigkeit keine große Rolle spielt: Für diese Zielgruppe veröffentlichen wir auf unserem Blog „Nach(haltig)gedacht“ regelmäßig Beiträge zu einer großen Bandbreite an Themen, von Dieselfahrverboten über Fragen der Machtverteilung in der Politik bis hin zum Glyphosat-Skandal. Diese Texte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie leicht zugänglich sowie unterhaltsam und schnell zu lesen sind. Um möglichst viele Menschen über die Aktivitäten des ZIN zu informieren, sind wir inzwischen auch im Bereich social media sehr aktiv: Neben unserem Blog betreiben wir eine Website und sind auf Facebook und Twitter präsent.

von Ruth Döpker

Mehr zum ZIN findet ihr unter www.uni-muenster.de/Nachhaltigkeit/, sowie bei facebook, Twitter und auf dem Blog nach-haltig-gedacht.de.

 

Dieser Text erschien in der Ausgabe 434 des Semesterspiegels mit dem Titelthema „Nachhaltigkeit“.

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