Aus dem Leben einer Stadtführerin

Als Stadtführerin durch Münsters schönste Ecken zu stapfen, in Hitze und Regen, ist etwas wunderbares. Doch, wirklich! Ja, zugegeben, manchmal sind die Gäste ein wenig anstrengend – vor allem der eine Mann zwischen fünfzig und sechzig, der in fast jeder Gruppe vorkommt und väterlich-fürsorglich infrage stellt, ob das, was du da erzählst, auch seine Richtigkeit hat. Oder seine Ehefrau, die dir daraufhin zuraunt „Ignorieren Sie meinen Hans einfach, der meint das nur nett“ (wenn man Glück hat, schlägt sich diese Entschuldigung auch im Trinkgeld nieder).

Nicht zu vergessen die mittelalte Frau mit Jack Wolfskin Jacke, die denkt, Stadtführerinnen würden nichts lieber tun, als drei Stunden lang ihren Ausführungen über wahlweise ihre Enkel – „Sind sie nicht entzückend? Warten Sie, ich hab noch ein Foto“ – , Kinder kriegen – „Ich hab damals mit 22 meine Familie gegründet, wie alt sind Sie noch gleich?“ – oder ihre Teesammlung – „Günther, was meinst du, wie viele Sorten schwarzen Tee haben wir wohl zuhause? Zwanzig mindestens, oder?“ – zu lauschen. Auch nicht zu vernachlässigen sind die Gäste, die hin und wieder einfließen lassen, sie hätten schon einmal eine Stadtführung gemacht, die ihnen irgendwie besser gefallen hat – „Aber Bremen gibt da ja auch einfach mehr her als Münster“.

Spaß beiseite, die allermeisten Führungen sind fantastisch. Lustige Gäste, nette Gespräche, so interessierte Zuhörer und Zuhörerinnen, wie ich wohl in meiner gesamten eventuellen Lehrerlaufbahn nicht mehr erleben werde und immer wieder so rührendes Lob vor allem von älteren Menschen, das ich noch Monate später daran zurückdenke – bis hin zu einem Mann, der gefragt hat, ob ich nicht mal in seinem Altenheim vorlesen könne. Das sind Sätze, die in den Alltag hinein leuchten, ganz egal, wie anstrengend die Frau mit der Jack Wolfskin Jacke auch gewesen sein mag.

Ob es nicht völlig unmachbar ist, sich all die Zahlen und Daten zu merken? Nein, und dafür muss man nicht einmal Geschichtsstudent:in sein (bin ich schließlich auch nicht). Münster hat eine so interessante, anekdotenreiche und an vielen Stellen witzige Geschichte, das man sich die allermeisten Dinge intuitiv merken kann – und mit jedem Vortragen und jedem begeisterten Gesicht wird man sicherer und selbstbewusster in dem, was man erzählt. Unter uns gesagt: Wüsstest du, ob in Münster 40 oder 45 Prozent aller Fahrten mit dem Rad gemacht werden?* Nein? Siehst du, die Gäste genauso wenig. Kleine Zahlendreher können bei bester Vorbereitung und größter Vorsicht passieren und lösen keinen Eklat aus (zugegeben, beim Westfälischen Frieden sollte man die Jahreszahl durchaus genau beherrschen – allerdings auch als nicht-Stadtführer:in).

Das Auswendiglernen sollte also niemanden abschrecken, der sich ernsthaft vorstellen könnte, in diesem Job zu arbeiten – man kriegt so viel mehr zurück als die paar Stunden Vorbereitung. Und mal wieder hat deine Englischlehrerin der achten Klasse Recht behalten: Wirkliches Verinnerlichen funktioniert nur über Anwendung. Die Sorge, sich zu verhaspeln oder nicht weiter zu wissen, nimmt von Mal zu Mal ab, die Freude über positive Reaktionen nimmt stetig zu. Einige der freundlichsten und ermutigendsten Sätze von Fremden wurden mir letztes Jahr mit Sicherheit bei Stadtführungen gesagt und das wertet jede Aufregung und jedes Auswendiglernen maßlos auf.

Interessiert? Informier dich! Gute, engagierte Leute sind immer gesucht und du würdest belohnt mit einem Nebenjob, der dir neben wenigen anstrengenden oder herausfordernden Momenten vor allem eins gibt: Ungewöhnliche Kontakte mit Menschen, die ihre Anerkennung und Dankbarkeit so deutlich zum Ausdruck bringen wie das selten jemand tut. SSP

* Richtig sind knappe 40 Prozent.

Artikeltip: Vielleicht kommt eure Patentante vorbei und ihr wollt euch für das letzte Weihnachtsgeschenk bedanken, vielleicht habt ihr ein Date, bei dem ihr mit ein bisschen Insider-Wissen Eindruck schinden könntet. Vielleicht habt ihr aber auch einfach im Moment viel Zeit und euch fällt auf, dass euer Wissen über unsere wunderbare Studentenstadt ausbaubar ist. So oder so, der Semesterspiegel hat für euch exklusives Stadtführerwissen zusammengetragen. Schaut mal hier: (Link zu Karte)

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