in der glaskugel 

ich schreibe darüber, wie es ist, im 21. jahrhundert anfang zwanzig zu sein. wie es ist, sich zwischen krisen, tiktoks und kriegsausbrüchen eine zukunft vorzustellen. wir können alles sein, queer, polyamor, monogam, aber was wollen wir eigentlich? wir können so viel swipen, wie wir wollen, so viele menschen sind nur einen klick von unserem leben entfernt, haben tausend optionen. wir studieren, wir beschäftigen uns mit der welt, wir reisen viel, aber wie fühlen wir uns eigentlich dabei? darum geht es hier. 

ich weiß nicht, warum es sich dieses mal so komisch anfühlt zurückzukommen, wieder hier zu sein. an einem ort zu sein, wo mich jeder kennt und gleichzeitig doch niemand. zurückzukommen an diesen ort, an dem ich mein gesamtes leben verbracht habe, – bis auf die letzten drei jahre. ich kenne das klettergerüst auf meinem alten schulhof, die blauen polster der bussitze und die kleinen cafés in der stadt. ich war hier ein kind, vor mamas hohen bücherregalen, auf der großen rutsche am straßenende und in den alten klassenzimmern der grundschule. ich war hier als jugendliche mit dem handy am esstisch, mit meinem ersten freund vor der haustür und in den überfüllten bussen auf dem schulweg. ich habe jeden tag mamas gemüse mit reis oder kartoffeln gegessen, papas vorträgen am mittagstisch zugehört und meine hausaufgaben im kleinen zimmer gemacht. 

und jetzt komm ich wieder zurück, als erwachsene. jedes mal dauert es ein bisschen länger bis ich wieder mal hier bin. am anfang jedes wochenende, dann nur noch ein paar mal im monat, jetzt ein halbes jahr nicht mehr. und mit jedem mal ist dieses zu hause weiter weg. mit jedem mal wird dieses zu hause ein bisschen mehr zur vergangenheit, zu einem ort, der still steht. einem ort, der mir meine veränderung wie ein spiegel vorhält. die alten hosen sind zu eng, die stadt wirkt so klein, die normen sind laut. ich schau wie durch eine glaskugel auf das leben hier. ich weiß, es geht auch ohne mich weiter, nichts ist im stillstand. aber es verändert sich so schleichend wie die schneeflocken in der glaskugel zum boden schweben, wenn man sie schüttelt,– schwerfällige bewegungen im glaskugel-wasser. ich betrachte das gestöber nur durch das glas, – es wird mit jedem besuch dicker. das glas bleibt immer durchsichtig, sodass ich reinschauen kann,  aber die distanz wächst. im herzen bin ich immer in der kugel, bei meiner familie, zu hause. aber, wenn ich da bin, merke ich, dass ich die dinge jetzt anders sehe. ich bin nur eine betrachterin, das leben in der glaskugel geht weiter. meine umrisse spiegeln sich verschwommen auf dem glas. glaskugel, fischauge-effekt. ich bin kein teil des schneegestöbers. aber, die schneeflocken langsam zum boden schweben zu sehen, ist doch irgendwie beruhigend und gibt mir das gefühl, zu hause zu sein. ich schüttel die glaskugel, irgendwann komme ich immer zurück.

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