“Der Moderator hat das Meeting beendet.”

Ich sitze am Schreibtisch vor meinem Laptop und schaue aus dem Fenster. Auf der gegenüberliegenden Straße ist es erstaunlich ruhig für einen Montagmorgen im Münsteraner Südviertel. Auf dem Bildschirm meines Laptops bewegen sich Gesichter, ein diffuses Rauschen verstellt die Stimme der heftig gestikulierenden Dozentin. Augen huschen aneinander vorbei, Kameras werden an- und abgeschaltet, Stimmen erklingen mit oder ohne Kopf und bevor ich mich darüber vergewissern kann, dass meine Haare in der gewählten Kameraperspektive nicht allzu wirr aussehen, ist das Ganze wieder vorbei: „Der Moderator hat das Meeting beendet“. Willkommen in der neuen universitären Realität.


Was das Wort „zoomen“ in der Prä-Corona-Zeit noch versprach, das Heranholen, die Annäherung und damit Verstärkung des interessierenden Gegenstands, scheint es in seiner virtuellen Gegenwart nur noch bruchstückhaft einzulösen. Zu wach ist dafür noch die Erinnerung an die ganz eigene Atmosphäre eines überfüllten Seminarraums in der ersten Semesterwoche, an die peinlich-skurrilen Arm- und Beinverrenkungen, denen man sich hingab, um den herabgefallenen Kugelschreiber möglichst unbemerkt wieder vom Boden zu klauben, oder an den von Minute zu Minute langsamer tickenden Uhrzeiger an der gegenüberliegenden Wand. Noch interessanter als die Frage, wie viel Normalität universitären Alltags die Videositzungen über Zoom, Vorlesungspodcasts im Learnweb und Telefonatsprechstunden mit Dozierenden einlösen, simulieren oder verfremden können, ist die Frage nach besagtem Gegenstand. Was soll da eigentlich digital übersetzt, aufrecht erhalten und weiter geführt werden?

Auf Zoom erscheint man nicht als Student:in, man tritt auf als Seminarteilnehmer:in.1 Der Austausch verläuft, und das ist durchaus positiv gemeint, oft erstaunlich zielorientiert, sachgebunden und folgt im besten Sinne rationalen Kommunikationskriterien, die die Ökonomie der neuen Form in sich aufgenommen haben. Dass der universitäre Alltag und das studentische Leben natürlich immer mehr waren, als die Teilnahme an universitären Lehrveranstaltungen, wie ihrer Vor- und Nachbereitung, ist eine Erkenntnis, für die es Corona nicht bedurfte.

Doch etwas anderes erscheint für all diejenigen interessant, die sich die Frage nach dem Was fehlt? ernsthaft stellen und hartknäckig dem Eindruck entgegen wirken, es handle sich in der momentanen Periode um verlängerte Semesterferien mit veränderten Aufgabenformaten als Hausarbeiten. Selbst wenn man all die Funktionen und Leistungen sonstiger Veranstaltungen, Treffen, Gruppen, Orte und Formen des Miteinanders, die jetzt in ihrer alten Form temporär abhanden gekommen sind, in den Raum des Digitalen übersetzen würde, fehlte etwas: das Gefühl einer gemeinsam geteilten Lebensform, die aufblitzt in der Nicht-Übersetzbarkeit physischer Kopräsenz, Momenten zufälliger Begegnung und spontanem Abgelenktwerden im Mensacafé, richtungslosem Umherirren zwischen Bibliotheksgängen und dem voyeuristischen Umherschweifen des Blicks im großen Lesesaal. Erst all das würde die Rede von einer gemeinsam geteilten Lebensform, die die Voraussetzung für einen Raum des Öffentlichen bilden könnte, gerechtfertigt erscheinen lassen, erst das würde über die Funktionserfüllungen hinausgehend die Fragen aufwerfen: Was ist das eigentlich, die Universität? Was wollen wir eigentlich, als Studierende? Wie leben wir eigentlich auf dem Campus?


1 Ein Schelm, wer in der Rede vom Student über den Teilnehmer die Tendenz hin zum Konsument der universitären Dienstleistung angelegt sieht.

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