Bretter, die die Welt bedeuten.

Wenn junge Menschen Theater machen

„Ich mag dich, weil…“ Worte, die man im Alltag ziemlich selten sagt oder zu hören bekommt. Gut zwanzig junge Menschen zwischen fünfzehn und Mitte zwanzig stehen im Kreis auf der Probebühne 1 des Theaters Münster und erzählen der Person neben sich, warum sie diese mögen. Ziemlich ungewohnt, aber auch erstaunlich schön. Es ist das Abschlussritual des TheaterJugendOrchesters: Ein Musical Projekt, bei dem junge Menschen ihre schauspielerischen, gesanglichen und tänzerischen Fähigkeiten auf die Probe stellen. Doch noch bevor sie das erste Mal auf der Bühne stehen konnten, kam das Coronavirus und mit ihm die Theaterschließung. War alles umsonst?

Das TheaterJugendOrchester

Das TheaterJugendOrchester, kurz TJO, existiert bereits seit zwanzig Jahren an den Städtischen Bühnen Münster. Das Prinzip dahinter lautet: Junge Hobby-Musiker:innen und -Schauspieler:innen stellen unter Anleitung von professionellen Regisseur:innen, Musiker:innen, Theaterpädagog:innen und Tänzer:innen ein Stück auf die Beine, das neben den anderen Produktionen in den Spielplan des Theater Münster aufgenommen wird. Und das mit Erfolg: Jedes Jahr sind die Vorstellung bereits Wochen im Voraus ausverkauft. Mittlerweile haben die Theaterhäuser in Kassel und Gelsenkirchen das Prinzip sogar adaptiert.

Viele Teilnehmer:innen sind mit dem Projekt aufgewachsen. So auch Johanne, die in der Spielzeit 2012/13 mit elf Jahren das erste Mal teilgenommen hat. „Da wird unglaublich viel Liebe und Arbeit sowohl von uns Schauspieler:innen als auch vom professionellen Team reingesteckt“, sagt sie über das TJO, “das macht dieses Projekt so hochqualitativ. Aber auch so liebenswert, einfach weil es nun mal Amateure sind, die mit Herz und Seele auf der Bühne stehen.“ Auch Konstantin spielte schon mehrmals beim TJO mit und weiß das Projekt zu schätzen: „Das Besondere daran ist, dass die Arbeit eben auf einem sehr hohen Niveau erfolgt, auch mit sehr viel persönlichem Einsatz der Teilnehmer:innen.“ Ressourcenintensiv ist das Projekt somit allemal. Die Proben starten jährlich im Oktober. Im April findet dann die Premiere statt. Bis dahin haben die Teilnehmer:innen jede Woche jeweils drei Stunden Tanztraining und drei Stunden Gesangs- und/oder Schauspielproben. Zwei Wochen vor der Premiere wird dann während der Intensivphase täglich von morgens bis abends geprobt.

Dieses Jahr stand das Musical Leben ohne Chris von Wolfgang Böhmer und Peter Lund auf dem Programm, das ursprünglich für Musicalstudierende der Universität der Künste in Berlin geschrieben wurde. Das Stück erzählt die Geschichte von Chris, einem jungen Mann, der kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag bei einem Motoradunfall stirbt. Irgendwo zwischen Leben und Tod sinniert er mit dem Engel Michael über sein bisheriges Leben und sieht, wie seine Familie und Freunde seinen Tod verarbeiten. Die Regisseurin der Produktion ist Miriam Michel. Für sie geht es in dem Stück darum, „wie man gelebt zu haben gedenkt, bevor man stirbt“. Neben der Frage nach einem möglichen Leben nach dem Tod ist das mit Sicherheit eine der wichtigsten gesellschaftlichen Fragen überhaupt. „Ich glaube, dass das Musical auf seine Weise die Geschichte erzählt, dass Ehrlichkeit wichtig ist und dass es wichtig ist, sich der eigenen Bedürfnisse bewusst zu sein“, erklärt die Regisseurin weiter. „Andererseits geht es bei Leben ohne Chris auch um Liebe und Treue, Verlust und Schmerz und auch ganz stark ums Erwachsenwerden.“

Das Zusammenkommen im Spiel

Die große Theaterbühne ist für viele ein Sehnsuchtsort. Hier sind die Regeln des Alltags außer Gefecht gesetzt und man kann für einen Moment jemand anderes sein. „Das Theater oder insgesamt die Bühne gibt mir einen Raum, in dem ich in eine ganz andere Welt eintauchen kann“, erklärt Johanne, „und ich liebe es vor Publikum zu stehen. Also ich bin, glaube ich, wirklich eine Rampensau.“ Eine gewisse Freude an Aufmerksamkeit merkt man allen TJO-Schauspieler:innen an. Sie stehen wie selbstverständlich auf der Bühne und ticken irgendwie alle ähnlich. Auch wenn in jedem Jahr zu den alten Gesichtern einige neue hinzukommen, herrscht immer eine besondere Dynamik innerhalb der Gruppe. „Ich habe das Gefühl, das TJO zieht immer besondere Leute an. Generell herrscht immer eine ganz besondere Atmosphäre“, stellt auch Raja fest. Doch woran liegt das? „Wenn man Vertrauens- und Gruppenübungen macht, da lernt man Leute einfach ganz anders kennen“, erklärt Paula, die in diesem Jahr zum ersten Mal mitspielt. „Man spricht direkt über Sachen, über die man normalerweise nicht reden würde, wenn man sich noch nicht so lange kennt. Das ist etwas ganz besonders, wie man Menschen begegnet, wenn man mit ihnen Theater spielt.“

Mit Sicherheit beeinflussen sich Spiel und Gruppe wechselseitig: Das gemeinsame Spiel verbindet die Spielenden miteinander. Aber die Verbundenheit der Schauspieler:innen untereinander führt auch zu einer ganz eigenen Dynamik des Spiels. Eine so intime Verbundenheit innerhalb einer Gruppe von Menschen persönlich zuzulassen und dann auch noch auf die Bühne zu bringen, sich einem Publikum zu öffnen, ist etwas ganz Besonderes und bedarf auch besonderer Regeln. Regisseurin Miriam Michel ist der Überzeugung, dass Projekte wie das TJO auf „zwei Grundfesten von demokratischen, freiheitlichen Kulturen“ beruhen müssen. „Einerseits der demokratischen Kultur des Aushandelns, also tatsächlich im künstlerischen Prozess zu lernen, dass wir alle sagen können, was wir wollen, wir aber gar kein Recht darauf haben, dass die anderen unserer Meinung sind“, betont sie, „Gleichzeitig aber müssen die freiheitlichen Bedürfnisse eines jeden und einer jeden gewahrt bleiben. Also körperliche Unversehrtheit, Schutz vor Ausgrenzung, dass man seine Meinung aussagen kann und man auch mal sagen kann: Ich kann das nicht oder ich möchte das nicht oder das macht mir Angst.“

Das Theater wird so zu einer Lernplattform für Fähigkeiten wie Achtsamkeit und persönlicher Entfaltung, die vielleicht auch dem gesellschaftlichen Zusammenleben außerhalb der Bühne gut tun würden. Deshalb sind solche Projekte wie das TJO besonders wichtig, findet auch Miriam Michel: „Sie führen dazu, dass wir aufeinandertreffen, dass wir uns sehen und uns im wahrsten Sinne des Wortes als Menschen begegnen. Ich glaube ganz fest daran, dass diese Art von Zusammenarbeit im Kreativen dazu führen kann, dass wir lernen kreativ mit unserer Welt und mit den Problemen, die auf uns zukommen und hinter uns liegen, umzugehen.“ Umso wichtiger ist es gerade in dieser Zeit, in der das öffentliche Leben eingeschränkt ist, an diesen Formen des Miteinanders festzuhalten. „Ich glaube, dass das Theater ganz grundsätzlich ein Ort ist, an dem wir zusammenkommen, um Dinge auszuprobieren“, erklärt die Regisseurin weiter. „Daher ist es wichtig, nicht die Hoffnung zu verlieren, dass diese Projekte auch nach großen Krisen, wie wir sie derzeit durchleben, wiederkommen und erneut Zentrum von Austausch, Liebe und Achtsamkeit, Kreativität und wirklich hochwertiger Kunst sein können.“

Ist nun alles umsonst gewesen?

Denn am Ende kam alles anders als geplant. Auch das TheaterJugendOrchester blieb nicht von der Coronavirus-Pandemie verschont. Wenige Wochen vor der geplanten Premiere am 19. April musste das Theater den Vorstellungsbetrieb einstellen und die Produktion damit absagen. „Ich dachte die ganze Zeit, es wird nicht passieren, denn das wäre einfach zu schlimm, das kann nicht passieren“, erinnert sich Raja, „aber ich versuche mich damit abzufinden und nicht zu viel darüber nachzudenken, weil man es ja ohnehin nicht ändern kann“. Insgesamt war die Stimmung in der Gruppe nach der Absage sehr bedrückt. „Am Ende ist eine Theaterproduktion dafür da, um aufgeführt zu werden. Wenn es dann am Ende nicht passiert, ist das irgendwie nur für dich selbst gewesen“, überlegt Konstantin, „es hinterlässt eine seltsame Lücke in meinem Leben. Gerade weil es in dem Stück auch ums Sterben geht und darum, dass jemand weg ist, ist das alles auf einmal besonders paradox.“

In Zeiten von Social Media, Videolivestreams und Zoom entstehen aktuell auch für die Kunst andere Formen der Öffentlichkeit. Viele Theater und auch einzelne Künstler:innen werden in dieser Zeit der individuellen Isolation kreativ und haben neue Wege gefunden, ihre Kunst zu verbreiten. So streamt beispielsweise das Hamburger Thalia Theater jeden Abend Aufführungen aus vergangenen Spielzeiten. Andere Künstler:innen schicken musikalische Grüße aus dem Homeoffice. Hier entstehen teilweise auch experimentelle Beiträge, die mit dem Kontrast zwischen räumlicher Distanz und digitaler Nähe spielen. Tänzer:innen oder auch Schauspieler:innen interagieren von zuhause aus miteinander und schaffen so eine neue Form der künstlerischen Kommunikation. Auch die Schauspieler:innen des TJOs haben ein Video über ihr Projekt produziert.  Dennoch kann der wundersame Ort, den das Theater darstellt, an dem Menschen auf der Bühne und im Publikum zusammenkommen, durch nichts ersetzt werden. „Theater hat sowas fast schon Fantastisches. Es ist nicht einfach nur ein Ort, um sich zu treffen, sondern es macht einfach unheimlich was mit einem: Es verändert.“, meint auch Niklas, „Ich persönlich hatte wirklich das Gefühl, es hat mich ganz doll verändert. Ich hab viel gelernt in den Monaten und das geht gar nicht ohne diese Gemeinschaft des TJOs, die einfach extrem stark und schön ist.“ Deshalb sind sich auch alle darin einig, dass keine einzige Minute dieses Projekts vergeudet war. Alle sind über sich hinausgewachsen und haben viel über die anderen und sich selbst lernen dürfen. Leben ohne Chris hat ihnen gezeigt, dass Verlust und Schmerz ebenso zum Leben dazu gehören, wie Liebe und Freude.


Fotos: © Oliver Berg, Theater Münster – SCHÖNE NEUE WELT (BRAVE NEW WORLD), Musical von Achim Gieseler und Volker Ludwig

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