„Nur“ studieren Was es bedeutet zu studieren, wenn man nichts mehr fühlt.

Die Dementoren griffen an einem heißen Juninachmittag an. Es war der Sommer 2017. Und während draußen die Sonne Lächeln in Gesichter pinselte, hatte Ina* das Gefühl, nie wieder glücklich zu werden. Aufstehen war sinnlos. Essen war sinnlos. Lachen ging gar nicht. Warum auch? Da war nichts mehr, wofür sich ein Lächeln gelohnt hätte. Manchmal saß Ina stundenlang auf der Couch und starrte die Wand an. „Das ist wie bei Harry Potter. Als würden dir Dementoren die Seele aussaugen“, beschreibt sie diese Zeit heute. Es war der Moment, in dem endgültig Schluss war. Und nach dem Ina zum ersten Mal zum Arzt ging und sagte: „Ich glaube, ich habe Depressionen.“

Dass sie manchmal ziemlich down ist, weiß Ina zu diesem Zeitpunkt schon lange. Vor allem Prüfungen setzen ihr zu. Sie bemerkt das zum Beispiel, als sie für ihre mündliche Bachelorprüfung lernt. „Das war krass. Ich habe kaum noch gegessen, den Rollladen runtergelassen und nur noch gelernt“, erzählt sie. Ihr Freund spricht da zum ersten Mal aus, dass vielleicht etwas nicht stimmt. Aber Ina macht trotzdem weiter. Weil sie das immer so gemacht hat. 

Ina wächst im Sauerland auf. Nach der Gesamtschule schafft sie die Qualifikation für die Oberschule nicht. Sie geht aufs Berufskolleg, besteht „mit Hängen und Würgen“ ihr Fachabi und arbeitet dann am Fließband für einen Automobilzulieferer. Nachdem sie zwei Jahre lang im Akkord Karosserieteile ineinander gesteckt hat, lernt sie nochmal. Und besteht ihr Abitur. Mit 22 schreibt sie sich an der Uni in Bochum ein. Geschichte und Philosophie auf Lehramt. Ihre Eltern unterstützen sie finanziell bis zur Regelstudienzeit des Bachelors. Danach muss Ina einen Studienkredit aufnehmen und hält sich mit Babysitter-Jobs über Wasser, manchmal hat sie auch zwei gleichzeitig. Daneben engagiert sie sich in der Hochschulpolitik. Wenn sie dann nach einem langen Tag um 18 Uhr abends nach Hause kommt, setzt sie sich an den Schreibtisch und schreibt Hausarbeiten. „Ich habe immer gearbeitet. Sieben Tage die Woche. Ich glaube, zwischenzeitlich hatte ich eine 80-Stunden-Woche“, sagt sie und lacht. Dann wird sie still. „Das ist aber eigentlich echt nicht witzig“, schiebt sie hinterher. „Mir ging es schon lange nicht gut. Aber ich dachte eben, dass es nur eine Phase ist, die vorbei geht. Außerdem bin ich Studentin und muss „nur“ lernen. Mein Leben ist einfach. Ich darf gar keine Probleme haben.“ Ina erlaubt sich keine Schwäche, bis sie zerbricht. 

Damit ist sie nicht alleine. Laut dem Barmer-Arztreport 2018 hat mittlerweile mehr als jede:r sechste Studierende eine psychische Erkrankung. Die meisten davon leiden unter Depressionen. Angststörungen und Panikattacken sind ebenfalls weit verbreitet.  Oft ist es der steigende Leistungs- und Zeitdruck, der junge Studierende zerquetscht. Dazu kommen finanzielle Sorgen und Zukunftsängste. Die Nachfrage nach Beratungsangeboten steigt. An der WWU bietet mittlerweile nicht nur die psychologische Beratungsstelle Selbsthilfegruppen und Gesprächsmöglichkeiten an, auch bei der KSHG  können Studierende beispielsweise Kurse zum achtsamen Lernen oder Prüfungsangst belegen. 

Für Jonathan, 25, sind Prüfungen nur ein weiteres Hindernis auf einem ohnehin steinigen Weg. Er war siebzehn, als seine Eltern ihn nach einem düsteren Winter zum Arzt schleppten. Diagnose: Depression, schwere Episode. Warum er auf einmal nichts mehr spürte, außer, dass er nichts spürte, das kann er nicht sagen. Jonathan wählt seine Worte bedächtig, wenn er über die Zeit spricht, die er danach in Kliniken verbracht hat. Seit seiner Diagnose macht er eine Psychotherapie. Im Moment nimmt er auch Tabletten. Die Menge variiert, aber „es sind schon einige“. Wirklich besser geht es ihm dadurch nicht. Aber es reicht. Es reichte um Abi zu machen, ein verpasstes Schuljahr aufzuholen, irgendwie ein Studium zu beginnen. Und es ist doch nicht genug.  Weil Jonathan nicht Bafög-berechtigt ist, muss auch er sich selbst finanzieren. Er studiert Geschichte, ursprünglich auch auf Lehramt. Der Traum vom Lehrerberuf ist nach seinem letzten Klinikaufenthalt im Jahr 2018 geplatzt. „Mit der Krankenakte, wirst du nicht mal mehr angestellt,“ sagt er. In seinem resignierten Schulterzucken liegt eine tonnenschwere Bitterkeit. Vom Lehrertraum geblieben ist sein Job als Nachhilfelehrer. Manchmal hilft er Grundschülern bei den Hausaufgaben. „Krank“, findet er das, „nur weil das Kind unbedingt aufs Gymnasium muss.“ Schon die Jüngsten fit zu machen für das soziale Leistungssystem, hilft Jonathan, selbst darin zu bleiben.  

Unterstützung von Seiten der Uni, sagt Jonathan, hat er noch nie erfahren. Im Gegenteil, die Prüfungsordnung sei sein größter Feind. „Stell dir vor, du hast ‘ne depressive Phase, so ‘n richtiges Loch und konntest nicht schlafen.“, erklärt er. „Du musst die Klausur trotzdem schreiben. Denn du schaffst es dann auch nicht, dir noch am selben Tag ein Attest zu holen. Und dann bist du ganz schnell im Drittversuch.“ 

Dr. Anna Rapp, Geschäftsführerin des Prüfungsamtes I an der WWU, kennt das Problem. In der Sprechstunde des Amtes sitzen immer mehr Studierende, die einen Antrag auf Nachteilsausgleich wegen einer psychischen Erkrankung stellen. Es sind immer mehr Menschen, um die sie sich Sorgen macht.  „Jeder Antrag, der gestellt wird, ist eine Einzelfallprüfung“, stellt sie klar. Die Mitarbeiter:innen des Prüfungsamtes müssen sich dabei an geltendes Recht halten. Ein Balanceakt, denn für alle sollen dieselben Regeln gelten. Egal, ob Studierende im Rollstuhl sitzen oder eine chronische Angststörung haben. Dennoch, erklärt Rapp, habe sie beim Lesen der Rechtsprechung immer wieder den Eindruck, dass Studierende mit psychischen Beeinträchtigungen nicht ausreichend bedacht wurden. Bricht sich ein Studierender beispielsweise den Arm, kann er die Klausur am Computer schreiben, ohne dass er im Vergleich zu seinen Kommilliton:innen einen Nachteil hat. Einen fairen Ausgleich für die Angst vor der Prüfung selbst gibt es nicht. 

Ein Teufelskreis, denn mit jeder versäumten Klausur verlängert sich auch die Studienzeit. Jonathan leidet darunter, dass er mit 25 immer noch keinen Bachelor hat. Seine Freunde, mit denen er früher gemeinsam für die Klausuren gelernt hat, machen jetzt Pläne für die Zeit nach dem Studium. Jonathan  will nur „irgendwie durchhalten“. Kaum jemand weiß, dass er Depressionen hat. Manchmal würde er seinen Freunden gern davon erzählen, aber er weiß nicht wie. 

Inas Freunde wissen, dass sie mittlerweile eine Therapie macht. Sich zu öffnen hat gutgetan. Manche Freundschaften wurden dadurch sogar enger. Trotzdem geht sie behutsam mit dem Thema um. Ihr Vater weiß bis heute nichts von ihrer Krankheit. Ihre Kolleg*innen im Praktikum im Museum, erst recht nicht. „Das Problem ist, dass man in unserer Gesellschaft immer der geilste Hengst auf Erden sein muss.“ Ina sagt das ganz ruhig, aber ihre Augen brodeln. „Man muss immer ne 1,0 haben, immer, das ist doch scheiße.“ 

Ihre Dementoren lassen Ina jetzt in Ruhe. Vertrieben wurden sie nicht durch einen Zauberspruch, sondern einen radikalen Lebenswandel: Sie schreibt keine Hausarbeiten mehr nachts um eins, belegt nicht mehr alle vorgesehenen Seminare, gönnt sich auch mal Pausen. In Regelstudienzeit bleiben wird sie daher wohl nicht. Sie ist jetzt dreißig und ihr Master, den sie an der WWU macht, noch nicht in Sicht. Ihr Studienkredit läuft weiter. Das ist der Preis, den sie für ihre psychische Gesundheit zahlt. 

Dass es so weit kommen musste, findet sie schade. „Man muss nicht erst Depressionen haben, um sich Hilfe zu suchen. Wir müssen auch mal scheitern dürfen“. Auch Jonathan wünscht sich mehr Verständnis. Es dürfe sich nicht erst jemand von einem Unigebäude stürzen, damit psychische Krankheiten ernst genommen würden. Er seufzt. Wenn er zum Abschluss noch etwas loswerden könnte, was wäre das? Jonathan überlegt kurz, sein Blick fällt aus dem Fenster. Als er antwortet bricht seine Stimme: „Seid doch einfach nett zueinander.“

*Ina und Jonathan gibt es wirklich. Ihre Namen wurden allerdings aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre von der Redaktion geändert.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des Semesterspiegels (#438). Weitere Inhalte findet ihr exklusiv nur im Heft (PDF).

 

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.