Die Studentenkiste: „Regional und Saisonal“ Wieso ein Sozialpädagoge junges Gemüse verkauft

Die Studi-Kiste auf dem Münsteraner Markt wird immer beliebter. Bis zu 130 Körbe verkauft der Stand des Bio-Bauern Norbert Meyer an einem guten Tag. Doch woher kommt das „regionale und saisonale“ Gemüse überhaupt? Ein Besuch auf dem Bauernhof im Osnabrücker Land klärt auf, wie die Zitrusfrüchte in den Korb kommen und weshalb in letzter Zeit so viele Karotten mit dabei gewesen sind.

Während die letzten Feierwütigen gegen 3 Uhr morgens den Weg von der Altstadt zum Hawerkamp einschlagen, beginnt für Kerstin Willms bereits der Arbeitstag. Denn bevor die Münsteraner:innen vormittags gemütlich zum Markt schlendern, will alles vorbereitet sein.

Kerstin Willms arbeitet auf dem Bio-Bauernhof von Norbert Meyer, der vor den Toren des Teutoburger Waldes in der Nähe von Osnabrück liegt. Wenn man sie nach ihren Aufgaben auf dem Hof fragt, antwortet sie: “Ich bin die Frau für alles”. Denn nicht nur auf den Märkten in Münster und Bielefeld, sondern auch auf dem Hof ist Kerstin Willms aktiv.

Dabei kennen den Namen Kerstin Willms vermutlich nur wenige. Die Studenten-Kiste, Gemüse-Kiste oder wie auch immer man sie nennen mag, ist bekannter. Ja genau, die Studi-Kiste für 5 Euro, die man auf dem Markt kaufen kann (übrigens auch als Nicht-Studierende). Und ja, in letzter Zeit waren viele Möhren dabei, stimmt. Und das hat einen Grund.

Die Idee der Studentenkiste hatten Meyer und Willms vor knapp 13 Jahren. Am Marktstand kamen während des Abbauens immer wieder Passanten vorbei, und fragten nach Gemüse, das sich nicht mehr verkaufen ließe. Aus der hohen Nachfrage entstand das Angebot, erklärt Willms: „Das gute Gemüse, das nicht schön genug aussieht um es zu verkaufen, kommt in die Kiste.“ So landet kein Essen auf dem Kompost, und gleichzeitig gibt es ein günstiges Angebot für einen leckeren Gemüse-Mix. Eine absolute „Win-win-Situation“. 

Der Inhalt der Kisten ist nie derselbe. Die vielen Möhren sind zum Beispiel ein Resultat der heißen Sommermonate im vergangenen Jahr, erklärt Kerstin Willms. Das Resultat waren viele kleine Karotten. Zu klein für den „normalen“ Verkauf auf dem Markt oder in Bio-Superläden, aber gut genug für die Gemüsekiste. Deshalb ist in vielen Münsteraner WGs der Speiseplan momentan sehr karottenlastig.

Wenn Kerstin Willms die Frau für alles ist, dann ist Norbert Meyer der Mann für alles. Abgesehen davon, dass ihm der Hof gehört und er deshalb den Überblick behalten muss: Meyer interessiert sich für alles und jeden. Ob es die defekte Bremse des LKWs oder der perfekte Pizzateig ist, an dessen Rezept er tagelang akribisch herumbastelt. „Meyer beschäftigt sich so lange mit einem Thema, bis er eine Lösung gefunden hat“ bezeugt seine Kollegin Willms.

Der Grund dafür ist Meyers außergewöhnlicher Lebenslauf: Nach einem Jahr in der Landwirtschaft studierte er Sozialpädagogik in Münster. Während des Studiums habe er einen ein Hektar großen Garten gehabt. Dort baute er sein eigenes Gemüse an: „Was ich nicht selber essen konnte, habe ich verkauft. Samstags habe ich mich mit einem Campingtisch auf den Markt gesetzt und mir etwas Geld dazuverdient“, erinnert sich Meyer. Heute überlässt er den Verkauf am Marktstand Kerstin Willms. Nach dem Abschluss machte er sein Hobby zum Beruf. Nicht weit von seinem heutigen Hof entfernt mietete er sich einen Acker und setzte von Anfang an auf Bio.

Mit dem Slogan „Regional und saisonal“ wirbt der Bauernhof für seine Lebensmittel. Ganz gewiefte Studierende fragen deshalb auf dem Markt nach, bemerkt Willms. „Kommen denn die Apfelsinen auch aus der Region?“ Selbstverständlich nicht. Meyer musste relativ früh einsehen, dass er auf dem Markt keine Chance hätte, wenn er seine Produkte nur während der Saison anbieten würde: „Früher standen die Leute Schlange, als der erste Kohl des Jahres geerntet wurde.“ Heute weiß kaum noch jemand, wann überhaupt Kohl-Saison ist, schließlich gibt es ihn das ganze Jahr über im Supermarkt zu kaufen. Deshalb zog Meyer die Konsequenz und peppt seitdem sein Angebot mit Bio-Lebensmitteln aus dem Großhandel auf. Dort könne er genau nachvollziehen, in welcher Region und unter welchen Bedingungen die Zitrusfrüchte angebaut werden.

Reich wird man von einem Bio-Bauernhof mit über 60 Kulturen nicht, erst recht nicht vom Verkauf der Gemüsekisten. Man muss voll hinter der Idee stehen: „Schließlich gibt es immer einen Haufen Arbeit“, gibt Meyer zu. Sein Sohn scheint offenbar derselben Meinung zu sein. Obwohl er sich erfolgreich durch ein Jura-Studium geschlagen hat, möchte er die Arbeit seines Vaters auf dem Bauernhof fortführen. Die Münsteraner Marktgänger werden es ihm danken.

 

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des Semesterspiegels (#438). Weitere Inhalte findet ihr exklusiv nur im Heft (PDF).

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