Erleben wir den Tod der Universität, so wie wir sie kennen? – Interview mit Peter Oestmann

Unter dem Titel “Die Universitäten müssen wieder öffnen: Für die Rückkehr zur Präsenzlehre” hat der Münsteraner Rechtshistoriker Peter Oestmann vor zwei Wochen eine Online-Petition gestartet, die bis zum heutigen Tage 1.097 Menschen unterschrieben haben. Inzwischen ist auch ein bundesweiter Offener Brief von über 3000 Professor:innen aus der deutschsprachigen Universitätslandschaft veröffentlicht worden, der eine baldige Rückkehr zur Präsenzlehre fordert. Wir haben mit Prof. Peter Oestmann über die Motive seiner Petition, seine Einschätzung der momentanen Lage und die Gründe für den ausbleibenden Widerstand gegen die getroffenen Maßnahmen gesprochen.

Semesterspiegel: In einem der Petition vorangehenden Schreiben an die Hochschulleitung sprechen Sie von der „Universität als Lebensform und Begegnungsgemeinschaft“. Teilen Sie den  Eindruck, dass sich durch die Verlagerung der Lehre in den digitalen Raum schon vorher existierende Tendenzen der Verschulung der Universität noch einmal verstärken konnten?

Peter Oestmann: Ja, ganz eindeutig verstärkt die Corona-Krise lediglich den schleichenden Trend, die Universität zu einer reinen Ausbildungsanstalt umzuwandeln. Das freie Gespräch, die aufregenden Diskussionen in Hörsälen und Seminaren werden ersetzt durch eine schlichte Vermittlung von Wissen durch Filme oder Podcasts. Der Kern der Universität ist aber eine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, eben die „universitas“, und das kann kein bloßer Blick auf einen Computerbildschirm ersetzen. Mit aller Kraft müssen wir diese Begegnungsgemeinschaft einfordern und verteidigen.

Semesterspiegel: Ist das mehrheitliche Einverständnis der Studierenden gegenüber den getroffenen Maßnahmen nur vor dem Hintergrund einer allgemeinen Krise der Idee universitärer Bildung zu erklären? Oder wäre dies zu weit gegriffen und man muss das Einverständnis eher vor dem Hintergrund des gesamtgesellschaftlichen Sonderzustands verstehen?

Peter Oestmann: Ich möchte gern für die universitären Ideale kämpfen, fürchte aber, dass vielen Studenten genau diese Tradition egal ist. Es geht gar nicht um Corona. Es geht um berufstätige Teilzeitstudenten, die ihre Lehreinheiten dann abspulen wollen, wenn es in ihren Tagesablauf passt. Hier müssen wir fragen, ob wir die Universität als Raum der geistigen Freiheit verteidigen wollen oder ob wir sie zu einer Form der Berufsausbildung umdeuten möchten. Im Übrigen sind nicht nur viele Studierende, sondern auch zahlreiche Professoren mit dieser geistigen Entleerung der Universitätsidee vollkommen einverstanden.

Semesterspiegel: Welche konkreten Forderungen haben Sie gegenüber der Hochschulleitung? Wünschen Sie sich ein klares Bekenntnis zum Eigenwert der Präsenzlehre und ihrer Wiederaufnahme im Wintersemester?

Peter Oestmann: Das Verbot der Präsenzlehre bedeutet ein Hausverbot für Studierende, ein Lernverbot in Seminaren und Bibliotheken, ein Begegnungsverbot in der Mensa. Für die Dozenten ist es ein Eingriff in die Wissenschafts- und Lehrfreiheit, für die Studierenden ein Eingriff in die Berufsausbildungsfreiheit. Schulen und Kindergärten, Spaßbäder und Saunen haben wieder geöffnet, nur die Hochschulen bleiben geschlossen. Die digitalen Lehrangebote können die lebendige Begegnung von Menschen nicht ersetzen. Ich denke vor allem an jüngere Kommilitonen. Wir müssen ihnen helfen, die Universität als Lebenswelt zu entdecken. Ich bin ganz entsetzt, dass in den Lippenbekenntnissen der Hochschulleitungen von der Freude an universitärer Gemeinschaft so wenig die Rede ist. Ich will niemanden zwingen, in eine Vorlesung zu gehen. Aber dass die Bundesländer und Rektorate die Teilnahme an Lehrveranstaltungen verbieten, ist ein Skandal, den es seit über 800 Jahren noch nie gegeben hat.

Semesterspiegel: Wie erklären Sie sich die scheinbar geringe Bereitschaft der Hochschulleitung über langsame Öffnungsmaßnahmen, wie sie mittlerweile in nahezu allen anderen gesellschaftlichen Bereichen stattfinden, nachzudenken?

Peter Oestmann: Hier geht es um die Trägheit von Beamten aus der bürgerlichen Oberschicht. Das Geld fließt auch dann, wenn man nicht arbeitet. Kindergärten und Schulen überlegen sich Modelle, wie man Begegnungsräume schafft und gleichzeitig Sicherheitsabstände und Hygieneregeln einhalten kann. Die Universitäten weigern sich, darüber überhaupt nachzudenken. Es fehlen die protestierenden Eltern im Hintergrund. Und das Lippenbekenntnis zur Bildung als einzigem Bodenschatz entlarvt sich als bloßes Geschwätz. Weil der politische Druck fehlt und die digitale Wissensvermittlung ja irgendwie stattfindet, erscheint auf den ersten Blick alles prima. Das ist ein Skandal, der leider kaum jemanden interessiert.

Semesterspiegel: Wie nehmen Sie die Stimmung unter den HochschullehrerInnen wahr? Welche Reaktionen haben Sie bisher auf Ihre Petition bekommen?

Peter Oestmann: Die Hochschullehrer sind in dieser Frage heillos zerstritten. Ich habe nur ganz wenige Rückmeldungen von Naturwissenschaftlern erhalten. Sie sitzen weiterhin in ihren Laboren, für sie hat sich wenig geändert. Wenn überhaupt, kann ich die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern beurteilen, und die ist gespalten. Viele Kollegen wohnen gar nicht am Hochschulort und sind froh, dass sie die langen Fahrten sparen. Andere haben angeblich Angst vor einer Infektion mit Corona und lehnen es deswegen ab, persönlich an Prüfungen teilzunehmen, selbst wenn alle Prüflinge persönlich anreisen. Manche Kollegen haben vielleicht auch Furcht vor kritischen Diskussionen und bevorzugen das einbahnstraßige Video gegenüber der lebendigen Auseinandersetzung im Hörsaal. Auf der anderen Seite erhalte ich Dutzende von Zuschriften ganz unbekannter Kollegen und habe dann immer das Gefühl, dass es den Kern der europäischen Universität irgendwo immer noch gibt. Solche E-Mail-Chats mit irgendwelchen Literaturwissenschaftlerinnen gehören zu meinen wichtigsten Motivationsquellen der letzten Wochen. Hier gibt es eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich kaum kennt, aber fest zusammenhält.

Semesterspiegel: Haben Sie die Befürchtung, dass der digitale Betrieb auch im Wintersemester fortgesetzt wird oder einzelne Studienelemente künftig generell ins Digitale verschoben werden sollen? Falls ja, unterschätzen Sie damit nicht den Sonderstatus des jetzigen Semesters?

Peter Oestmann: In der Tat. Die grundgesetzlich anerkannte Lehrfreiheit wird in wenigen Jahren von lemmingsgleichen Öffentlichrechtlern in einen Anspruch auf Distanzlehre umgedeutet werden. Dann wird der Staat diejenigen schützen, die es aus gesundheitlichen oder sozialen Gründen nicht schaffen, persönlich an einer Vorlesung teilzunehmen. Die Pflicht zur digitalen Lehre ist damit vorgezeichnet. Kaum noch jemand traut sich, den Freiheitsraum des ungeschützten spontanen Wortes ohne staatliche Kontrolle hochzuhalten. Stromlinienförmigkeit wird die Folge sein, die Streichung vieler Lehrstühle die unausweichliche selbstverschuldete Konsequenz. Das spart Geld! Das Corona-Semester beschleunigt diesen Trend, aber die Richtung ist schon länger klar zu sehen. Es ist jammerschade, dass so viele Hochschullehrer die Einzigartigkeit der Universität selbst für überflüssig erklären.

Semesterspiegel: Wie schätzen Sie die Erfolgschancen Ihrer Petition ein?

Peter Oestmann: Meine Online-Petition (einzusehen unter www.peter-oestmann.de) geht davon aus, dass die Studenten am Hochschulort auch wirklich aktiv in das Universitätsgeschehen eingebunden sein wollen. Die Wahrheit, die jetzt ans Licht kommt, ist für mich ein Schock: Vielen Studierenden ist es völlig egal, ob sie Hausverbot haben oder nicht – Hauptsache, sie können sich irgendwie auf die nächste Klausur vorbereiten. In zehn Tagen hatte ich ca. 500 Studierende aus Münster, die sich für die Rückkehr zur Anwesenheitsuniversität ausgesprochen haben. Das ist beschämend und peinlich. Aber die meisten Fachschaften haben meinen Aufruf nicht einmal weitergeleitet. Ein wissenschaftliches Studium an der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen, Beruf und Privatleben, Zustimmung und Widerstand ist vielen Kommilitonen einfach zu anspruchsvoll oder schlichtweg egal. Früher haben Studierende gestreikt, um für ihre Interessen zu protestieren. Heute verbietet der Staat ihnen, die Hochschulen zu betreten, und alle sind zufrieden. Wo bleibt der Widerstand unserer geistigen Elite? Warum gibt es keine Demonstrationen für das Recht auf Bildung? Selbst die Unterschrift unter eine Online-Petition ist jetzt schon zu viel verlangt.

Semesterspiegel: Vielen Dank für das Interview.

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