Pro und contra: WG’s

Die Wohngemeinschaft ist unter Studenten die am häufigsten praktizierte Wohnform. Ist das Leben in einer WG der Himmel auf Erden oder eine unehrliche, ausgelutschte Zweckgemeinschaft? Ein Für und Wider unserer Autoren.

Pro:

Text von Kevin Helfer

Mal wieder sieht die Küche aus wie ein Schlachtfeld, der Bio-Müll geht in der Wohnung spazieren, der Kühlschrank ist geplündert und das Bad so dreckig, dass man sich das Duschen besser spart. Natürlich sind das alles wie immer die Mitbewohner schuld – keine Frage! Jeder WG-ler kennt das. Warum wohnt man eigentlich noch mit diesen Pfeifen zusammen?

Aber wenn man sich mal an die eigene Nase fasst, bemerkt man, dass man selbst sicherlich auch schon mal die Milch vom Mitbewohner stibitzt oder den Putzplan vergessen hat – mal ganz abgesehen von meiner eigenen WG, in der ich scheinbar der Einzige bin, der sich etwas aus Ordnung und Sauberkeit macht.*

Und das ist doch gerade das Gute an einer WG. Im einen Moment ärgert man sich schwarz über seine Mitbewohner und im nächsten Moment sitzt man gemeinsam mitten im Chaos und trinkt gemütlich lachend ein spontanes Kalt- oder Warmgetränk. Momente wie diese gibt es nicht, wenn man alleine wohnt.

Natürlich ist es für eine WG wichtig, dass man mehr oder weniger auf einer Wellenlänge ist und dass man gleiche Vorstellungen davon hat, wie das Zusammenleben aussehen soll. Ansonsten ist Frust vorprogrammiert und man hat das WG-Leben schnell satt.

Wenn aber die Voraussetzungen stimmen, wird man die WG nicht missen wollen. Man ist nie alleine und wenn man doch mal Zeit für sich braucht, verzieht man sich in sein Zimmer. Gute Mitbewohner werden das akzeptieren. Spontane Filmabende, lang geplante Küchen-Verschönerungsprojekte und tägliche Blödeleien beim Frühstück sind das, was die WG über das Alleine-Wohnen hebt. Nicht zu vergessen, dass sich die Mitbewohner häufig auch zu guten Freunden entwickeln (oder es schon sind) und so auch in den schwierigen Phasen des Lebens ein offenes Ohr und ein guter Ratschlag nie weit weg ist.

Und dann sind da natürlich die WG-Partys. Klar, man kann auch in der eigenen Bude eine Fete schmeißen, aber WG-Partys sind natürlich besser. Verschiedene Freundeskreise heißt mehr Gäste, interessantere Gespräche, neue Kontakte: perfekte Zutaten für eine tolle Feier, die in Erinnerung bleibt.

Auf die finanziellen Aspekte will ich hier gar nicht eingehen. Für mich ist eine Wohngemeinschaft (mit den richtigen Leuten) einfach eine tolle Form zu leben. Und zwar wirklich zu leben – nämlich ein großartiges Studentenleben!

Fußnote:

*Ironie? Das überlasse ich meinen Mitbewohnern.

Contra:

Text von Jannes Tatjes

!!1! S U C H E !!!

Hallo ihr Lieben,

ich werde dieses Wintersemester anfangen Erziehungswissenschaften und Kultur- und Sozialanthropologie zu studieren, bin 20 Jahre alt und komme aus Ibbenbüren. Zuvor habe ich in Osnabrück ein Semester VWL studiert, aber das war mir nicht kritisch genug. Danach bin ich mit meiner besten Freundin ein halbes Jahr durch Australien und Südostasien gereist. Nun freue ich mit total, mit dem Studium in Münster zu beginnen. Bei meinem neuen Studium habe ich irgendwie das richtige Bauchgefühl. Dabei suche ich auf jeden Fall nicht nach einer Zweck-WG, sondern nach etwas Lebendigem, nach einer Gemeinschaft, in die ich mich selbst auch einbringen kann, nach einem neuen Zuhause! Ich bin unternehmungslustig und würde mich insgesamt als unkompliziert beschreiben. Ich gehe auch mal zu Deep-House feiern, möchte aber auch mal die Tür hinter mir schließen zu können und meine Ruhe haben. Ich habe keinen Sauberkeitsfimmel, gewisse Hygiene-Standards müssen schon sein. Sagen wir mal so: das Wort „Putzplan“ ist bei mir jedenfalls nicht negativ besetzt. Ich bringe bereits WG-Erfahrung mit und liebe es, morgens gemütlich Kaffee zu trinken. Ich denke mal, abgedroschene Gespräche, die sich abends am Küchentisch nur auf ein „Wie war dein Tag?“ beschränken, sind für niemanden angenehm. 😀 Also was ich mir wünsche, ist, dass man in einer WG nicht nebeneinander, sondern miteinander wohnt.

Aaaaalso, ich würde mich total freuen euch bei einem Casting wirklich kennenzulernen. Bis dann alles Liebe!

All das habe ich mehr oder weniger aus Anzeigen, die bei WG-Gesucht inseriert wurden – an dieser Stelle liebe Grüße, ich hoffe, ihr findet eine Wohnung (ja, ich weiß, wirklich sehr schwer in Münster) – und all dieses Rumgefloskel ist sinnbildlich für das teilweise verlogene Leben in einer Wohngemeinschaft. Zunächst ja, wirklich ur-romantisch gemeinsam Kaffee schlürfend das Pulp Fiction-Poster in der WG-Küche anzustarren und durch die Zweisamkeit am WG-Küchentisch, das Gefühl zu haben, nicht so sehr alleine zu sein.

Es beginnt mit den Wohnungsanzeigen: Alle diese ähneln sich uninspiriert darin, dass man krankhaft sich von seiner besten Seite zeigt und sein Flexitariertum anpreist, welches seinen wahren Kern mit dem Hinweis auf die verschlossene Tür bereits andeutet und spätestens beim Mietpreis offenbart. Beim heutigen Wohnungsmarkt suchen nämlich alle erst mal eine Wohnung. Zweck-WG hört sich da eigentlich ganz gut an.

Darauf folgt der WG-Alltag: Nachdem man sich beim WG-Casting bereits wirklich kennengelernt hat, lernt man jetzt dazu, dass der Mitbewohner auch tagsüber gerne dröhnenden Deep-House hört und sich beim Putzplan komplizierter anstellt als es die unkomplizierte Persönlichkeit vermuten lässt.

Es geht mir nicht so sehr um nicht eingehaltene Putzpläne oder generelle Sauberkeit – scheinbar werden funktionierende Wohngemeinschaften daran gemessen –, sondern darum, dass das Zusammenleben schwierig ist und nicht aus gemütlich Kaffee trinken oder WG-Partys besteht. Dafür bedarf es Selbsteinschränkung. Trotzdem wird ein Ideal gehuldigt und es soll nur in tollen WGs gelebt werden. Seien wir also endlich ehrlich: So ganz toll ist das Leben in einer WG nie, ganz scheiße aber auch selten.

Auf mehr Ehrlichkeit und in dem Sinne Grüße an meine WG: Um die Tauben auf dem Balkon habe ich mich noch nicht gekümmert, aber ich wollte morgen mal den Müll runterbringen. Ist eigentlich doch ganz schön mit euch. Also wirklich jetzt.  

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