Studenten damals und heute Im Gespräch mit Politikwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge

Der Politikwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge forscht unter anderem zu sozialer Ungleichheit, der Entwicklung des Sozialstaates sowie zum Thema Rechtsextremismus. Soeben ist sein Buch „Kritik des Neoliberalismus“ in einer aktualisierten Auflage erschienen. Wir haben ihn gefragt, wie sich seiner Meinung nach die Politisierung unter den Studenten in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat und worin die Gründe für diese Entwicklung liegen.

SSP: Prof. Butterwegge, Sie blicken auf eine lange akademische Laufbahn zurück und haben selbst in den 70er-Jahren studiert. Wie politisch waren die Studierenden damals?

CB: Ich habe mein Studium 1970 an der Uni Bochum begonnen und da waren diejenigen, die sich wie ich für das Fach Sozialwissenschaft entschieden hatten, im Nachlauf der Schüler- und Studentenbewegung hochpolitisiert. Die Hauptmotivation, dieses Fach zu studieren, war neben dem Interesse an politischen Fragestellungen die Gesellschaft zu verändern und zu verbessern. Dazu, was heute schon fast ein Schimpfwort ist, nämlich „Weltverbesserer“ zu sein, haben sich die Studierenden damals bekannt. Es gab allerdings auch nicht die Angst vor Arbeitslosigkeit nach dem Studium. Das sorgte für ein ziemlich sorgenfreies Lernen.

SSP:  Im Gegensatz dazu, für wie politisch halten Sie die Studiereden von heute?

CB: In meinen Veranstaltungen beobachte ich, dass es eine Art Polarisierung oder Dualisierung der Studierendenschaft gibt. Auf der einen Seite sind da Kommilitonen, die dem neoliberalen Zeitgeist folgen mit dem Ziel einer Berufskarriere. Sie wollen nur ihre Credit Points haben und das Studium möglichst schnell abschließen, um dann viel Geld zu verdienen. Die fragen meist wenig kritisch nach und versuchen eher, den Stoff zu lernen und jenen Anforderungen zu genügen, die stark veränderte und verschärfte Studien- und Prüfungsordnungen an sie stellen. Sie folgen einfach dem, was in der Gesellschaft als Trend dominiert, Ökonomisierung, Kommerzialisierung, sowie Privatisierung und studieren eher eventorientiert, wollen ihr Studium mit möglichst viel Spaß und möglichst reibungslos absolvieren.

Auf der anderen Seite gibt es auch sehr interessierte, politische und gesellschaftskritisch eingestellte Studierende, die mich immer wieder überzeugen, dass keineswegs eine Entpolitisierung der Studierendenschaft eingetreten ist. Sie sind es, die sich den genannten Entwicklungstendenzen entgegenstellen. Häufig sind das auch besonders aufgeschlossene, interessierte, die dann auch in Prüfungen sehr gute Noten erreichen. Denn man merkt einfach, bei Fächern wie ich sie lehre ─ Politikwissenschaft und Sozialwissenschaft ─ da muss ein gewisses Herzblut vorhanden sein. Diese Fächer kann man nur gut studieren, wenn man sich für die Gegenstände auch wirklich interessiert und nicht, wenn man quasi ein Pflichtprogramm absolviert.

SSP: Worauf führen Sie diese Polarisierung oder Dualisierung innerhalb der Studentenschaft zurück?

CB: Mit Sicherheit hat das mit der Gesellschaftsentwicklung zu tun. Da regiert auf der einen Seite der Markt und die Philosophie, die Margaret Thatcher so schön ausgedrückt hat als TINA-Prinzip: „There ist no alternative“. Wir müssen uns alle dem fügen, was uns die Globalisierung oder die neoliberale Modernisierung vorgibt. Das heißt, wir müssen den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ stärken und uns möglichst marktkonform betätigen, bilden und ausbilden lassen. Diese herrschende Doktrin in der Gesellschaft lässt die Universität zur akademischen Berufsschule werden, in der man nur genau das lernt, was man beruflich braucht. Die berufliche Qualifikation, von den Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt, wird hier mit Bildung verwechselt.

So erzeugt man dann natürlich sowohl Formen der stromlinienförmigen Anpassung als auch die entsprechenden Gegentendenzen. Druck erzeugt schließlich auch in diesem Falle Gegendruck. Daher ist der vorherrschende Zeitgeist eben auch Ursache dafür, dass es Studierende gibt, die sich wehren, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden und widerspenstig sind. Diese Studierenden machen auf mich den Eindruck, besonders wach und gut informiert zu sein. Sie haben Lust, die Dinge zu durchdenken und natürlich auch ein besonderes Interesse, sich mit den Dingen, die ich als Forschungsthemen behandle, zu beschäftigen: soziale Ungleichheit, Armut, Rechtspopulismus und vieles mehr.

SSP: Was müsste sich erstens an den Studienbedingungen und zweitens an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern, damit sich dieser Trend umkehrt?

CB: Es müsste vor allen Dingen in der Gesellschaft Konsens werden, dass es nicht nur auf das Ökonomische und den Wirtschaftsstandort ankommt, dessen Wachstums- und Profitinteressen man sich unterwirft. Nur, wenn Bildung mehr ist als berufliche Qualifizierung, können sich die Hochschulen wieder freier entwickeln.

Für die Studierenden wäre außerdem wichtig, dass die Verschulung, die mit der Modularisierung durch das Bachelor/Master-System eingesetzt hat, beendet wird und man sich wieder freier entscheiden kann, welche Lehrveranstaltungen man besucht.

Zudem sollte der Prüfungsdruck abnehmen. Man kann unter dem Damoklesschwert permanenter Leistungsüberprüfung nicht frei lernen. Der Druck, ständig Klausuren zu schreiben und der Konkurrenzsituation gerecht zu werden, macht die freie Persönlichkeitsentfaltung junger Menschen sowie die Entwicklung gesellschaftskritischer Analyse unmöglich. Denn dazu braucht es eben eine besondere Form der Freiheit: die Freiheit des Geistes.

Sich frei von ökonomischen Zwängen so umfassend zu bilden, wird jedoch zunehmend unmöglich in einer Gesellschaft, die immer stärker kapitalistischen Profitinteressen ausgesetzt ist. Insofern kann die Arbeits- und Lebenssituation an den Hochschulen nur verändert werden, wenn es starke ─ auch studentische ─ Gegenbewegungen und massiven außerparlamentarischen Druck gibt. Es müssten grundlegende Veränderungen der Hochschule, des Bildungssystems und der Gesellschaft insgesamt stattfinden. Ich sehe aber momentan kein revolutionäres Subjekt, wie es Linke gegen Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre in der Arbeiterklasse gefunden zu haben glaubten.

SSP: Vielen Dank für das Gespräch.

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