TED-Talks – Ein Nischenprodukt für Akademiker mit Risiken und Nebenwirkungen?

Neulich, als ich zuhause, als Student im quasi Home-Office, mal wieder in die unendlichen Weiten des Web abgeschweift bin, da kam mir der Gedanke: Ich könnte mir doch mal wieder ein TED-Video ansehen. Nein, die Rede ist nicht von Bill & Ted aus den beiden gleichnamigen 90er Jahre Klamauk-Filmen mit Keanu Reeves. Es geht um zumeist mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten, die eine “verbreitenswerte” Idee in einem kurzen Video vorstellen. 


Es gibt auch ein Video von einem Bill, der bereits 2015 “Über den nächsten Ausbruch” gesprochen hat. Der scheint nun mit COVID-19 gekommen zu sein. Das Video von Bill (Gates) geht gerade abermals viral. Aber in den TED-Videos, die eigentlich ‘Talks‘ heißen – Branding muss sein – gibt es noch jede Menge mehr zu entdecken. Doch kann man das guten Gewissens weiterempfehlen?

Symbolbild, Pixabay

Warning

TED-Talks gucken kann zur unkontrollierten Prokrastination führen! In diesem Beitrag sind 19 TED-Talks mit einer Länge von insgesamt 252 Minuten verlinkt, das entspricht einem ganzen Nachmittag!

Technologie, Entertainment, Design

TED-Talks kannte ich vor meinem Studium gar nicht, erst durch das Buch David und Goliath: Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen von Malcolm Gladwell und eine spontane Google-Suche bin ich auf die Talks gestoßen. Ich war wie infiziert und machte mich auf, fremde Welten zu entdecken. Video für Video. Talk für Talk. Awsome. Wie Malcolm Gladwell über Spaghettisoße redet, einfach großartig. Es kam mir so vor, als wenn ich in unbekannte Galaxien vorgestoßen bin, die nur für Entrepreneure, Gründer und Akademiker gedacht waren.

Al Gore, Sergej Brin und Larry Page, Kevin Bacon sie alle haben schon einen TED-Talk gehalten. Wenn sie reden, hören viele zu. Amazing. Als bekannte Persönlichkeiten sind sie gleichzeitig Influencer. Sie bringen das TED-Format und die TED-Marke voran. Und ganz nebenbei verbreiten sie noch ihre Ideen. „Ideas Worth spreading“ – das Motto von TED. Dabei geht es nicht mehr nur um Technologie, Entertainment und Design. Die TED-Talks sind mittlerweile in alle Sphären des öffentlichen und privaten Lebens vorgedrungen. Isn’t it great? Zu beinahe allem gibt es einen TED-Talk. Gesundheit, Musik & Kunst, Bildung und vielem mehr.

Jeder Talk soll maximal 18 Minuten dauern und wird dabei audiovisuell aufgezeichnet. Es geht darum, eine Idee auf möglichst anschauliche und leicht verständliche Art und Weise zu erzählen. Richtig, erzählen! Nicht erklären. Schließlich steht das E in TED für Entertainment. Man besinnt sich hier auf klassische Instrumente des Storytelling. Das heißt, obwohl ein Talk in der Regel nur wenige Minuten dauert, ist jede Geste, jeder Blick, jede Pointe mit beinahe chirurgischer Präzision geplant. Incredible. Das weckt Emotionen, macht uns betroffen und bleibt im Gedächtnis. Mittlerweile gibt es viele Ratgeber-Bücher über die Rhetorik der TED-Talks und wie man sie lernen kann.

YouTube-Playlist: ‚Talks‘ für TED-Überzeugte

Das TED-Talk-Marken-Imperium

Als Normalsterbliche reden wir hier von den Videos auf Youtube. Aber TED ist eigentlich eine jährliche Konferenz, die seit mehreren Jahren in Toronto Kanada stattfindet. Sie ist das Herz der Marke. Angefangen hat alles mit einer Konferenz 1984 in Kalifornien, die von dem Architekten Richard Saul Wurman ins Leben gerufen wurde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ging es 1990, erst sechs Jahre später, weiter. Seit damals ist das TED-Format ein Erfolgsrezept geworden. Zu Beginn hatte die Konferenz noch eine Atmosphäre, die einem elitären Geheimbund ähnelte. Fantastic. Nicht nur als Speaker, sondern auch als Hörer musste man damals persönlich eingeladen werden. Als Speaker muss man immer noch eingeladen bzw. nominiert werden, aber Hörer können sich heutzutage einfach ein Ticket kaufen, zumindest wenn man bereit ist, dafür mehrere tausend Euro zu zahlen.

Diese und weitere Änderungen brachte Chris Anderson, der 2001 die Konferenz gekauft hat, ins TED-Imperium. Viele sagen, er habe die TED-Talks demokratisiert, weil er sie für alle zugänglich gemacht hat, indem er seit 2006 regelmäßig viele der auf der Hauptkonferenz gehaltenen Talks veröffentlicht hat. Eines der ersten Videos, die veröffentlicht wurden, ist von Ken Robinson, der darüber spricht, dass Schule die Kreativität von Kindern erstickt. Bis heute der meistaufgerufenste TED-Talk überhaupt. Inspiring. Aber es werden längst nicht alle TED-Talks veröffentlicht. So sagt man, dass der erste Talk von Nick Hanauer, in dem er darüber spricht, dass reiche Leute keine Jobs generieren, bewusst zurückgehalten wurde, weil er als zu kritisch empfunden wurde.

Eine weitere radikale Öffnung erfolgte 2009, als das TED-Format auf Basis von Lizenzen von nun an auch Lokal und unabhängig durchgeführt werden durfte. Unter dem Namen TEDx sind heute viele weitere Konferenzen bekannt, die ihre eigenen Schwerpunkte gesetzt und auch wundervolle TEDxTalk-Videos hervorgebracht haben. Alles für die Marke. Great. So gab es bis jetzt auch hier in Münster seit 2013 ganze acht TEDxMünster Konferenzen. Doch damit sind wir noch lange nicht am Ende, das Imperium hat noch viele weitere Glieder. TED-Talks-Education, TEDPrize, TEDBooks, TEDYouth, TEDInstitute, TEDPartnership, TED-ed und vieles mehr. Aktuell findet die TED-Konferenz 2020 online statt. Sie steht unter dem Thema “Uncharted” und auch Bill Gates ist wieder als Speaker dabei.

Auch die lokalen TEDxTalks werden mittlerweile auf der Hauptseite TED.com veröffentlicht. Was mich am meisten überrascht hat, ist, dass es gerade unter den TEDxTalks auch sehr viele TED-kritische Talks gibt.

Youtube-Playlist: ‚Talks‘ für TED-Skeptische

Risiken und Nebenwirkungen

Aber zurück zur Hauptfrage. Kann man TED-Talks guten Gewissens weiterempfehlen? Wie bei einem Medikament sollte man sich der Risiken und Nebenwirkungen bewusst sein. So hat z.B. eine Studie der Forscher Carsten Schwemmer und Sebastian Jungkunz der Universität Bamberg herausgefunden dass mehr als die Hälfte der TED-Talks die zwischen 2006 und 2017 auf Youtube veröffentlicht wurden, von weißen Männern gehalten wurden. Frauen und ethnische Minderheiten sind unterrepräsentiert. Dazu hat das Forscherduo 2.333 TED-Talks untersucht. Sie sagen außerdem:

„Über die Zeit hat sich der Anteil von Frauen erhöht, ‚nicht-weiße‘ ethnische Gruppen geben aber nach wie vor nur selten Talks.“

Eine weitere Nebenwirkung ist die Kontribution. Es gibt eine Macht, die im Hintergrund darüber bestimmt, ob und wann welcher TED-Talk online geht. Eine Kuration, die sich der Wirkung der Videos bewusst ist und damit vermutlich gesetzte Ziele verfolgt. Wie immer sie auch aussehen mögen, sie haben Einfluss auf die Öffentlichkeit.

Des Weiteren ist die Gestaltung der TED-Talks manchmal allzu positiv gehalten. Es wird ein Optimismus darin gefeiert, den man schon von den Großkonzernen des Silicon Valley kennt. Amazing. Great. Incredible. Fantastic. Sicher, das ist gut, um eine Geschichte zu erzählen, aber es trügt möglicherweise das Gesamtbild. Die Realität wird verzerrt.

Die TED-Republik

Auch innerhalb des TED-Talk-Mega-Marken-Imperiums gibt es Unruhen. Das rührt daher, dass es sich um eine Non-Profit-Organisation handelt, die ihre eigene Enthusiasten-Crowd pflegt. Sie halten die TED-Talks, sie übersetzen sie in alle möglichen Sprachen und sie organisieren regionale TEDx-Events, und das meist unentgeltlich. Sie glauben an das TED-Motto, an die Marke. Aber das bewahrt sie nicht vor Fehlern. Fehlern wie dem TEDxCharlotte-Fiasco, bei dem ein TED-Talk zu einem mathematischen Thema gehalten wurde, das sich im Nachhinein als unwissenschaftlich und nicht belegt herausstellte. Bei einem weiteren Event sind gleich mehrere Talks als unwissenschaftlich, ja sogar pseudowissenschaftlich aufgefallen. Seitdem hat man stärkere Vorgaben für die TEDxEvents gemacht und an der einen oder anderen Stelle die Kommunikation verbessert.

TED-Talks bieten die Möglichkeit, sich inspirieren zu lassen. In eine neue Welt einzutauchen, von der man vorher nichts wusste. Sein Digitales Ich zu streicheln. Aber setzen sich die verbreitenswerten Ideen wirklich nachhaltig fest? Hat sich daraus eine lange Phase des Koma-Denkens ergeben oder ist es vielleicht doch nur ein kurzer Schluckauf? 

Letztens habe ich nun TED-Talks einer Kommilitonin empfohlen. Auch sie kannte sie noch nicht. Sie dachte erst, ich rede von dem gleichnamigen Film mit Mark Wahlberg und dem perversen Plüschtier namens Ted.

Symbolbild, Pixabay

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