Von Mündern und Masken

Die Corona-Krise – ein schwieriges Sujet. Nicht nur, weil sie einen perfekten Nährboden für Verschwörungstheorien darstellt, sondern auch, weil Rassismus von Anfang an eine Rolle spielte – abgesehen davon natürlich, dass das Virus bereits jetzt hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen hat. Wir erinnern uns daran, wie eine Welle der rassistischen Diskriminierung über Asiat:innen bzw. asiatisch gelesene Menschen hereinbrach, und wie daraufhin der Hashtag „iamnotavirus“ aufbrandete, unter dem sich Betroffene Gehör verschafften. Die Vorbehalte gegenüber den vermeintlichen Überträger:innen wurden dadurch allerdings nicht weniger. Denn Rassismus ist ein strukturelles Problem, wie uns am traurigen Beispiel George Floyds wieder einmal vor Augen geführt wurde. 

Aber was haben Münder und Masken jetzt damit zu tun? Zugegeben: Es wird ein wenig philosophisch. 

Fakt ist, dass unsere Gesellschaft mit deutlich länger (Jahrhunderte!) andauernden und für viele weniger sichtbaren Problemen als den momentanen Kontakt- und Freizeitbeschränkungen zu kämpfen hat: Rassismus beispielsweise. Und genau das muss sich ändern. Auch wenn der Vergleich hinkt und es um zwei völlig verschiedene Dinge geht: Es sollte eine ebenso große Sensibilisierung für rassistische Handlungen wie für Handlungen herrschen, die gegen die Hygienemaßnahmen/das Infektionsschutzgesetz verstoßen. Oder anders ausgedrückt: Rassismus sollte ebenso vehement bekämpft werden wie das Corona-Virus. Ich frage mich nur, wie oft derartige Videos noch viral gehen müssen, bis es jeder kapiert hat. Wie lange wird es noch dauern, bis endlich Konsequenzen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden für das, was sie getan haben?

Natürlich weiß ich, dass ich als weiße Person nicht einmal ansatzweise nachempfinden kann, wie sich Schwarze und andere von Rassismus betroffene Menschen beim Anblick dieses Videos gefühlt haben müssen (und vermutlich immer noch fühlen). Aber auch ich war tief geschockt. Und mir fiel auf, wie viel symbolhafter als ohnehin schon der Satz „I can’t breathe“ im Kontext der Corona-Krise plötzlich erschien. Masken sind zum Symbol geworden. Und zwar nicht nur der Corona-Krise selbst, sondern auch der Tatsache, dass unzählige Menschen weltweit „nicht (frei) atmen“ können, weil sie ihr Leben lang strukturell diskriminiert und benachteiligt werden, was sich im Übrigen auch in den Corona-Todeszahlen niederschlägt. Oder um noch einen Schritt weiterzugehen: zum Symbol dafür, mit der ständigen realen Bedrohung leben zu müssen, Opfer von Racial Profiling und rassistischer Gewalt zu werden. 

Das bedeutet nicht, dass sich nun weiße anstelle von Rassismus betroffener Menschen zu Wort melden sollten, wie in der letzten Maischberger-Talkshow taktlos demonstriert wurde. Aber es sollte Anlass genug sein, um die Stimmen derer zu verstärken, die wirklich etwas zu sagen haben – #amplifyblackvoices – und um sich selbst weiterzubilden und zu sensibilisieren. Wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, dann, wie wichtig es ist – in Zeiten wie diesen, aber auch sonst – politisches Engagement zu zeigen. Corona killt vielleicht die Versammlungsfreiheit, und die Frage, ob man sich in der jetzigen Situation über ein (Groß-)Demo-Verbot hinwegsetzen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Fest steht allerdings, dass es keineswegs verboten ist, den Mund aufzumachen und sich klar gegen Rassismus und andere Ungerechtigkeiten auszusprechen, um ein Zeichen der Solidarität gegenüber denjenigen zu setzen, die zum Schweigen gebracht wurden. 

Rest in power.

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