„Wir haben uns intensiv vorbereitet“

Interview mit Universitätsrektor Wessels.

Foto: Fabian Kulle

Steigende Infektionszahlen, ein verschobener Vorlesungsbeginn und QR-Codes in den Hörsälen. Auch in diesem Semester wird die Corona-Pandemie den Universitätsalltag verändern. Wir haben mit Universitätsrektor Prof. Johannes Wessels über die Vorbereitungen und die bleibenden Unsicherheiten dieses Coona-Semesters gesprochen. 

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in dieses Semester?

Johannes Wessels: Mit einem guten Gefühl. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir uns intensiv vorbereitet haben. Gleichwohl macht das nicht wirklich Spaß, das Thema beschäftigt uns alle jeden Tag. Auch wir sind natürlich abhängig von der weiteren Entwicklung der Pandemie. Das bedeutet, dass wir trotz der guten Vorbereitung böse überrascht werden können – aber auch darauf haben wir uns eingestellt. Auch die Verantwortlichen in den Fachbereichen hatten und haben eine logistische und organisatorische Mammutaufgabe zu absolvieren. Für uns alle gilt: Wir müssen den Spagat zwischen Schutzmaßnahmen und guter Lehre hinbekommen, ohne dass die Hose reißt. 

In zwei Wochen und damit vier Wochen später als regulär geplant fangen die Seminare und Vorlesungen wieder an. Warum wurde der Vorlesungsbeginn verschoben?

Johannes Wessels: Das liegt daran, dass sich in vielen Bundesländern die Abiturzeiten coronabedingt verzögert haben. Da die zulassungsbeschränkten Studiengänge über das Dialogorientierte Servicefahren (DOSV) vergeben werden und dabei Fristen zur Rückmeldung und Einschreibung zu beachten sind, durfte das Semester formal nicht vor dem 2. November beginnen. 

Wurden die Maßnahmen, wie etwa die relativ langsamen Bibliotheksöffnungen, und deren Begründungen Ihrer Meinung nach ausreichend an die Studierenden kommuniziert?

Johannes Wessels: Davon bin ich überzeugt. Alle Informationen, die uns zur Verfügung standen, haben wir möglichst schnell auf unsere Homepage gestellt. Dabei galt für uns immer der Grundsatz: Wir kommunizieren erst dann, wenn eine Neuerung feststeht. Darüber hinaus haben wir jetzt jeden Studierenden persönlich per Mail angeschrieben und dabei vieles nochmal erläutert. Zudem hat natürlich jeder die Möglichkeit, die vom Land Nordrhein-Westfalen veröffentlichte Corona-Schutzverordnung in der jeweils aktuellsten Form nachzulesen. Ein guter Indikator dafür, dass wir ausreichend und schnell kommuniziert haben, ist auch die Tatsache, dass wir nur sehr wenige kritische Rückmeldungen bekommen haben – die wir gleichwohl sehr ernst nehmen. 

Die Universität sagt, dass sie sich mit drei Stufen auf das Wintersemester vorbereitet hat… 

Johannes Wessels: Das stimmt, auch die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin haben sich grob auf solch ein Stufenszenario geeinigt. Bis zu einer Inzidenz von 50 Infizierten pro 100 000 Einwohner machen wir im Wesentlichen weiter wie bisher. Ab 50 legen die Kommunen weitergehende Maßnahmen fest. Was die Maßnahmen für die WWU bedeuten, versuchen wir möglichst mit den anderen Hochschulen abzustimmen.

Gehen wir die Stufen durch. Was bedeutet Stufe eins: „Vollbetrieb mit Einschränkungen“ für den Studienalltag?

Johannes Wessels: Das bedeutet, dass wir von einem ,normalen‘ Präsenzbetrieb ausgehen – aber mit Einschränkungen. Das betrifft vor allem die Gruppengröße: Bei Lehrveranstaltungen dürfen maximal 50 Personen in einem Raum sein, zudem sind die bekannten Regeln der Rückverfolgbarkeit einzuhalten.

Was heißt Stufe zwei: „Eingeschränkter Betrieb auf Grund eines Anstiegs von Corona-Infektionen innerhalb Münsters oder an der WWU“? 

Johannes Wessels: Das würde bedeuten, dass wir so weit wie im letzten Sommersemester die Lehre zurückfahren. Anders gesagt: Wir hätten zum zweiten Mal ein Online-Semester. In diesem Fall würden, wie gehabt, nur Praxiselemente durchgeführt werden, für die Präsenz zwingend erforderlich ist. 

Und Stufe drei: „Minimalbetrieb auf Grund eines grundsätzlichen Lockdowns“?

Johannes Wessels: Wenn es einen Lockdown gibt, dann wird es im Universitätsbetrieb nur noch digitale Angebote geben. Dann wären auch Praktika, Exkursionen und sportpraktische Übungen nicht mehr möglich und der Zugang zu Gebäuden eingeschränkt. Wir alle hoffen natürlich sehr, dass uns die Szenarien zwei und vor allem drei erspart bleiben. 

Wer würde universitätsintern entscheiden, wenn von Stufe eins auf Stufe zwei gewechselt wird? Das sind sicherlich nicht Sie allein.

Johannes Wessels: Wir haben schon in der ersten Corona-Phase, also während des Sommersemesters, ein System mit einem Krisenstab und mehreren Planungsstäben installiert, die sich nach wie vor regelmäßig treffen und deren Taktung wir nach Bedarf anpassen. Derzeit tagt der große Corona-Krisenstab, zu dem auch Fachbereichsvertreter und der AStA gehören, einmal pro Woche. Daneben gibt es die Planungsstäbe, die sich häufiger per Zoom zusammenschalten – dazu gehören weitere Rektoratsmitglieder, Vertreter der Verwaltung und der zuarbeitenden Dezernate.

Wie wird entschieden, wann die WWU sich etwa auf einen Betrieb in Stufe zwei einstellen muss? Gibt es dafür fixe Zahlen?

Johannes Wessels: Hier werden wir uns an die nordrhein-westfälischen Regelungen und die Allgemeinverfügung der Stadt Münster halten, die gegenwärtig für die sogenannte Gefährdungsstufe 2 eine 7-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner größer 50 vorsieht.

Inwiefern stimmen Sie sich mit der Stadt Münster ab? Die Studierenden machen immerhin etwa ein Siebtel der gesamten Münsteraner Bevölkerung aus. 

Johannes Wessels: Was in der Kommune umgesetzt wird, entscheidet das Gesundheitsamt Münster. Für uns ist in dieser Hinsicht vor allem wichtig, dass die Meldeketten funktionieren. Es nützt nichts, wenn das Gesundheitsamt nicht im Ernstfall auf die Kontaktdaten, die wir bei unseren Veranstaltungen sammeln, zugreifen kann. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts müssen im Infektions-Fall wissen, bei wem sie an der Universität anrufen können, um an die Kontaktdaten zu kommen. 

Wie sammelt und speichert die Universität die Kontaktdaten?

Johannes Wessels: Wir haben ein Registrierungstool für alles, was in Präsenz stattfindet. In den Hörsälen und an den Arbeitsplätzen in den Bibliotheken gibt es einen QR-Code. Darunter steht eine ,Klar-Adresse‘ mit dem entsprechenden Link für diejenigen, die mit den QR-Codes nicht zurechtkommen. Dort gibt man seine WWU-Nutzerkennung ein und loggt sich damit für die Veranstaltung und den Platz ein. Damit ist sichergestellt, dass man die Mail-Adresse der Person, die auf dem Platz saß, kennt – die Handydaten sammeln wir deswegen für Studierende nicht.

Ob hauptsächlich in Präsenz oder digital gelehrt wird, unterscheidet sich in den einzelnen Fächern durchaus. Warum wurde das dezentral geregelt? 

Johannes Wessels: Das war der Wunsch der Fachbereiche, die aus guten Gründen darauf hingewiesen haben, dass es sehr unterschiedliche Lehr- und Fächerkulturen gibt. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Unterschiede zwischen unseren 15 Fachbereichen eher klein sein werden. 

Wird in Fächern mit Anwesenheitspflicht diese durchgesetzt?

Johannes Wessels: Auch dies regelt die Corona-Hochschulverordnung, die für alle Hochschulen des Landes die bestehenden Regelungen zur Anwesenheitspflicht in diesem Semester für Präsenzveranstaltungen erneut außer Kraft gesetzt hat.

Einige Studierende wohnen nicht in Münster oder haben keine ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten. Wie sollen sie den Wechsel zwischen digitalen Veranstaltungen und Präsenzveranstaltungen organisieren? Wird es für diese Studierenden Aufenthaltsräume geben?

Johannes Wessels: Genau das haben wir auch mit den Fächern thematisiert. Es reicht nicht aus, dass die Lehrveranstaltungen coronakonform sind. Die Fachbereiche müssen auch sicherstellen, dass die Studierenden sicher zu den Veranstaltungen kommen und es beispielsweise an den Eingängen bzw. in Foyers nicht zu eng wird. Außerdem stellen sie Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen die Studierenden eine Pause einlegen oder im Internet arbeiten können, wenn sie beispielsweise eine Pause überbrücken wollen. Wir haben mit dem Studierendenwerk verabredet, dass es auch in den großen Mensen Räume gibt, in denen man online arbeiten kann. Ob all unsere Angebote in Summe ausreichen, müssen wir abwarten.

Wird die Corona-Pandemie die WWU auch langfristig verändern?

Johannes Wessels: Das ist längst passiert. Das Sommersemester kam einem unfreiwilligen Crashkurs gleich, bei dem wir gezwungen waren, schnell und dennoch effektiv auf digitale Lehre umzustellen. Das hat gut funktioniert. Parallel dazu versuchen wir, das Format des forschenden Lernens auszubauen.  Denn durch das intensive Online-Angebot ergeben sich an der einen oder anderen Stelle Kapazitäten, die wir dafür nutzen können. Wir haben auch in der Studieneingangsphase massiv mit Tutorien gearbeitet, um den Neulingen dabei zu helfen, mögliche Defizite schnell auszugleichen. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. Viele Psychologie-Studenten stellen gleich zu Beginn fest, dass viel Mathematik und Statistik gefragt sind. Wir stellen denjenigen, die diesbezüglich Nachholbedarf haben, spezielle Online-Kurse zur Verfügung – das kommt gut an.  

Haben Sie nicht die Befürchtung, dass die persönliche Begegnung, die universitäre Bildung grundlegend ausmacht, durch vermehrte digitale Formate verloren geht?

Johannes Wessels: Nein, davon gehe ich nicht aus. Im Gegenteil. Denn wir haben zwar einerseits die positive Erfahrung gemacht, dass wir in der Lage sind, schnell auf ein effektives Online-Angebot umzustellen. Andererseits haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten alle gespürt, wir sehr uns der persönliche Austausch und das gemeinsame Lernen fehlen. Wir alle sehnen den Tag herbei, an dem wir universitäres Lernen und Lehren wieder im direkten persönlichen Austausch leben können.

Foto: Fabian Kulle

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